Das Ensemble der Kohlbauerkapelle in Wegscheid ist mehr als eine baumbestandene und bebaute Grünfläche. Allerdings ist uns dieses Mehr nicht mehr so zugänglich, wie vielleicht noch unseren Großeltern und so sind Bedeutungsschichten erst freizulegen. Ein spannender Ausflug in Mythologie, Volksglaube und christliche Ikonographie.
Nachdem die Quellenlage dünn ist, sehr dünn, gibt es keine wirklichen Zeugnisse, die erklären könnten, ob die Kapelle schon immer Maria gewidmet war. Ebenso ist man, was die Motive anbelangt, dort Linden zu pflanzen, auf Vermutungen angewiesen. Mit anderen Worten, die Interpretation fußt nicht auf historischen Fakten, sondern ergibt sich aus anderen Zusammenhängen, die mehr oder weniger naheliegend sind.
Gehen wir davon aus, dass die Kapelle älter ist als die Linden. Die Erwähnung der Kapelle 1839 und das Alter der Linden von etwa 120 Jahren legen das nahe. Wie gesagt, wir wissen jedoch nicht, ob die erwähnte Kapelle damals schon als Marienkapelle genutzt wurde, auch nicht, ob sie freistehend war oder ob sie damals schon von einem oder mehreren Bäumen umstanden wurde. Wann die Kapelle das heutige Aussehen erhielt, ist ebenfalls ungeklärt. Es ist zu vermuten, dass mit der Pflanzung der Linden um die Jahrhundertwende die Kapelle selbst aufgewertet wurde.
Linden hatten und haben in vielen Kulturen hohe religiöse und mythologische Bedeutung. Schon vor der Christianisierung galt den Germanen die Linde als heiliger Baum. Aus der Mythologie wissen wir, dass Germanen darin Freya verehrten, die Göttin der Fruchtbarkeit, der Liebe, des Glücks und der Schönheit. Entsprechend galt für sie die Linde als Symbol für Gerechtigkeit, Liebe, Frieden und
Heimat sowie als Platz der Gemeinschaft.
Im Zuge der Christianisierung wurde Freya von Maria verdrängt. Unter vielen Linden wurden nun Marienkapellen gebaut. Die Symbole wirken weiter. Die Dorflinde als Mittelpunkt des Gemeinschaftslebens ist uns vertraut. In meiner Kindheit spielten bei der Kohlbauerkapelle an manchen Tagen bis zu 30 Kinder und Jugendliche.
Linden zählen mehr als Eichen zu den in Deutschland meist geschätzten Bäumen. Viele Gedichte belegen das und wer kennt nicht Franz Schuberts: Am Brünnlein vor dem Tore.
Darüber hinaus wurde an manchen Orten unter Linden bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch Gericht gesprochen. Wir kennen diese als Gerichtslinden, seltener auch als Blutlinden. Und nachdem Linden bis zu 800 Jahre alt werden können, gibt es noch einige dieser Gerichtslinden, wie z.B. in Frankfurt am Main oder in Göttingen. Aber auch gar nicht soweit entfernt von Wegscheid, in Hofkirchen im benachbarten Mühlviertel wurde am Galgenhügel 1848 noch eine Frau an einer Linde hingerichtet. Das war in Wegscheid natürlich nicht der Fall. Soweit es die Quellen vermuten lassen, wurde die Kohlbauerkapelle privat errichtet und die Linden wurden später dazu gepflanzt.
Linden und Marienkapelle bilden eine Einheit, nicht nur als schönes Ensemble von Bäumen und Bauwerk, sondern in dieser Bezogenheit auf Maria, die im christlichen Glauben als Gottesmutter verehrt wird.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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