Der Kapellengarten der Kohlbauerkapelle ist mehr als nur ein Garten oder gar eine bloß bebaute, vernachlässigte Grünfläche. Viele sehen in der Kohlbauerkapelle ein zwar schönes Ensemble von Kapelle und prächtigen Linden, aber eben nur ein Ensemble und keinen Garten und schon gleich gar keinen besonderen Garten. Das ist mit nüchternem Blick leider auch nachvollziehbar. Und dennoch ist da mehr, wenn man mit dem Herzen sieht.

Vor allem die Kunst hat einen Vers des Hohelieds der Liebe
besonders hervorgehoben: Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born
(Hld 4,12). Das einleitende Bild bezieht sich auf diesen Vers. Wobei verschlossen als „umzäunt” vorgestellt wird. "Hortus conclusus" nennt das die Fachsprache und meint damit den eingehegten, geschützten Garten der von Christus berufenen Gemeinschaft in Gestalt der Ekklesia, häufig als Maria interpretiert.
Es sind wirklich spannende Zusammenhänge, die hier aufgezeigt werden können. Im Grunde geht es um die Zuwendung Gottes zum Menschen, die im Kontext des Hoheliedes der Liebe als Beziehung von Braut und Bräutigam vorgestellt wird. Der Bräutigam ist Christus. Die Braut ist die Versammlung der Gemeinde, die Kirche. Mystiker, wie der Heilige Bernhard von Clairvaux haben wie schon viele vor ihm im Bild der Kirche auch Maria gesehen. So gesehen zeigt der Druck die liebende Beziehung von Christus zu Maria, die nicht nur Gottesmutter ist, sondern eben auch mystische Braut Christi.
Der Garten symbolisiert auch das Paradiesgärtlein. Denken Sie beispielsweise an das Bild Maria im Rosenhag von Stefan Lochner, das viele sicherlich kennen werden. Auch hier zeigt ein Künstler Maria im Paradiesgärtlein. Der umzäunte Garten ist aber nicht nur Paradiesgärtlein. Es zeigt den besonderen Ort, einen gewissermaßen heiligen Ort, einen Ort, der aus den übrigen Weltzusammenhängen, aus dem Alltag herausgenommen ist. Er verweist auf die Gottesbeziehung, die es zu schützen und zu gestalten gilt. Das, was wertvoll ist, behandelt man behutsam, schützt es, damit es nicht verloren geht, nicht beschädigt wird.
Insofern könnte uns die Kohlbauerkapelle bei jeder Begegnung, bei jedem Vorbeifahren anregen, darüber nachzudenken, wie denn unsere persönliche Beziehung zu Gott aussieht, wie man diese Beziehung gestaltet und welchen Stellenwert man dieser einräumt. Die Kohlbauerkapelle könnte zu einem Spiegel werden, einer Metapher für ein eigenes, wenn vielleicht auch nicht christliches so doch spirituelles Leben.
Die Kohlbauerkapelle war eingezäunt, längst bevor die Mühlgasse oder die Adalbert Stifter Straße geteert waren und dort die Siedlung an der damals Unteren Mühlgasse entstand. Es ging nicht darum, Autos vom wilden Parken abzuhalten. Damals galt es eher, Kühe, die hier morgens auf die Weide und abends zurück in den Stall getrieben wurden, davon abzuhalten, dort durchzutrampeln. Es war ein umzäunter Garten. Das blieb so bis Mitte / Ende der 80er Jahre. Dann erwies sich die Umzäunung als unpraktisch, wegen des erhöhten Verkehrsaufkommens und weil der Schneeabraum in den Garten geschoben wurde. Beides ist nach praktischen Gesichtspunkten durchaus nachvollziehbar. Zweifelsohne jedoch war das nur im Umfeld voranschreitender Säkularisierung möglich, eines Verblassens religiösen Empfindens und einer im Leben verwurzelten Volksfrömmigkeit.
Die Kohlbauerkapelle und ihr Garten mit den prächtigen Linden könnten uns an den Wert spirituellen Lebens erinnern und uns fragen, wie es bei uns damit aussieht.
Leider habe ich kaum „alte” Fotos von der Kohlbauerkapelle, die den umzäunten Kapellengarten zeigen, aber diese wenigen veranschaulichen es ganz gut.

Noch ein Tipp: Wenn Sie Zeit und Gelegenheit haben, empfehle ich Ihnen das alttestamentliche Hohelied der Liebe zu lesen. Es ist ein grandioser Text, ein feinsinniges, durchaus erotisches Werk, ein Zwiegespräch von Braut und Bräutigam, der Gesang der Gesänge, wie es auch genannt wird.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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