Eine Linde ist im Alter von 120 Jahren noch mitten im Ankommen. Man sagt ja, Linden brauchen 300 Jahre um zu kommen, 300 Jahre um zu bleiben und 300 Jahre um zu gehen. Auf menschliche Lebensläufe umgelegt, entspräche das Alter der Linden der Kohlbauerkapelle gerade einmal dem Alter eines 11 bis 12 jährigen Jungen oder Mädchens. Niemand käme auf die Idee zu sagen, sie wären schon alt oder gar zu alt. Wer die [[der-heilsame-duft-der-linden prachtvolle Blüte der Linden im Sommer 2018]] erlebt hat, weiß, dass diese Linden vor Gesundheit geradezu strotzen.
Haben Sie gewusst, dass Linden gut zwanzig Jahre brauchen, um ein erstes Mal zu blühen? In einer schnelllebigen Zeit, einer Zeit des ich will — und das sofort
scheint ein Denken und Handeln, das über die eigene Lebenszeit hinaus blickt und über die Vermögenssicherung, nicht mehr so verbreitet. Im Kleinen wie im Großen. Die Appelle, mit unsere Umwelt doch so verantwortungsvoll und weitblickend umzugehen, dass sie für unsere Enkel und Urenkel noch intakt ist, die Appelle von Umweltschutzorganisationen und Umweltklima-Konferenzen machen im Großen darauf aufmerksam. Doch wie im Großen ein Bewusstsein entwickeln, das sich schon im Kleinen schwer tut?
Wie sehr sich Gemeinden um Ihre Linden kümmern und sorgen zeigt das Beispiel Gräfenberg. Dort stehen im Ortsteil Kasberg zwei Linden, eine heute etwas 160 Jahre alte Linde und daneben eine schon sehr betagt Linde, deren Alter auf bis zu 1000 Jahre geschätzt wird. Betrachtet man das Bild, dann liegt die Assoziation zu einem jungen und einem alten Menschen, gestützt, mit starken Einschränkungen und Behinderungen gar nicht so weit entfernt.

Bislang kam niemand auf die Idee, die sehr alte Linde oder gar beide Linden zwecks möglicher Gefährdungen bei Stürmen oder so zu fällen. Auch als die Straße gebaut und später erweitert wurde, war das kein Thema. Dass die Linde schon um 1850 am Stamm aufgerissen war, sah man nicht als Grund, sie zu fällen, auch nicht, als die Linde 60 Jahre später gestützt werden musste. 1976 wurde die Linde mithilfe von Spenden und öffentlichen Geldern fachgerecht saniert. Die Gemeinde ist stolz auf diese Geschichte. Mittlerweile steht die Linde als Naturdenkmal unter dem Schutz des Freistaates Bayern.

Die Wegscheider Linden haben noch einige Jahrhunderte vor sich, bevor sie in ein vergleichbares Alter kommen. Wenn wir pfleglich damit umgehen und die Bäume weitgehend in Ruhe lassen, werden künftige Generationen daran ebensolche Freude haben, wie die Bürger von Gräfenberg an ihrer Kasberger Linde.
Und — wer immer meint, dass die Wegscheider Linden schon alt seien und womöglich weg oder zumindest zurechtgestutzt werden müssten, sollte nach Gräfenberg reisen, oder in andere Gemeinde, um zu sehen, was wirklich alte Linden sind, die mit über 600 Jahren immer noch von der Bevölkerung geschätzt und erhalten werden.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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