Er hat uns, aus damaligem Empfinden, fast gequält damit, Gedichte über Gedichte auswendig zu lernen. Es sei, so unser Deutschlehrer, nicht nur ein Gedächtnistraining, sondern vor allem bildeten die erlernten Gedichte quasi einen Schatz, den uns niemand nehmen könne. Würden wir in Isolationshaft sitzen, so sein eindrückliches Bild, wären wir in Gesellschaft der Gedichte. Also lernten wir seinen Kanon deutscher Gedichte. Das war in der Mittelstufe des Gymnasiums. Bereits in der Oberstufe hatte ich die meisten vergessen. Es war frustrierend, denn ich hatte viel Zeit darauf verwendet, sie mir einzuprägen.

In der Oberstufe begleitete uns in Deutsch und Literatur ein Lehrer, der nicht nur seitenweise aus Büchern, selbst solchen, die er in seiner Jugend gelesen hatte, auswendig zitieren konnte, sondern der das Bachwerkverzeichnis und das Köchelverzeichnis auswendig beherrschte, das Thema jeder Komposition und seine Variationen pfeifen konnte. Er war in unseren Augen ein Gedächtnisgenie. Jahrzehnte später erfuhr ich, dass er im Alter an schwerer Demenz litt und verwirrt starb.

Für die meisten von uns gilt: Es gibt nichts, was bleibt. Am Ende bleibt nichts.

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