Oder sollte ich es doch kaufen, Laurent Binets kürzlich auf Deutsch erschienenes Buch, genauer den Roman „Perspektiven”? Es handelt von Jacopo da Pontormo, einem meiner so geschätzten Maler des Manierismus, besser gesagt, von dessen Ermordung. Und damit beginnt es schon. Die Ermordung Pontormos ist reine Fiktion, wie das Auffinden eines Konvolutes von Briefen und die Aussagen der Verfasser dieser Briefe rund um Pontormos Ermordung. Diese Fiktionen sind jedoch eng verwoben mit großteils profundem kunsthistorischem Wissen.
Meine Angst: Wenn ich mich in einigen Jahren an Pontormo erinnere, könnte es dann nicht sein, dass fiktionale Ereignisse nun als historische Tatsachen in Erscheinung treten? Wir wissen ja, Erinnerung ist ein Hund. Auch wenn ich beim aufmerksamen Lesen des Buches und unter Zuhilfenahme von Fachliteratur das Fiktionale durchaus zu erkennen vermag, stellt sich doch die Frage, ob das meine Erinnerung in zeitlichem Abstand ebenso vermögen wird, was ich bezweifle.
Ohne Binets „Die siebte Sprachfunktion” gelesen zu haben, hat sich über die Rezensionen dazu die Vorstellung, dass Roland Barthes nicht bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, sondern ermordet wurde, in meinen Erinnerungen festgesetzt, in der Form, dass ich immer wieder überlegen muss, sobald die Rede auf Barthes kommt, ob er nun ermordet wurde oder nicht.
Es überlagern sich in „Perspektiven” Fiktion und Tatsachen. Für jemanden, der kunsthistorisch nicht oder nicht ausreichend gebildet ist, für die, die sich nicht spezielle mit Pontormo beschäftigt haben, ist es daher nicht leicht, sogar ausgeschlossen sicher zwischen Fiktion und Tatsachenschilderung zu unterscheiden. Diese Situation hat in dieser Unsicherheit etwas Laszives. Ich bin ständig am Sprung, mit meinem kunsthistorischen Wissen im Anschlag, Fiktionen aufzuspüren, nachzudenken, welche tatsächlichen Umstände diese Fiktionen möglicherweise bedingt haben könnten und wie weit das, was die allgemeine Kunstgeschichtsschreibung aktuell über Pontormo verbreitet, gemessen am Forschungsstand, nicht ebenso fiktiv ist.
Die gut recherchierten, dann aber eingepassten gesellschaftlichen, soziologischen und politischen Fakten sind im Roman schlüssig und zeichnen ein Bild der Zeit der Renaissance im Übergang zum Manierismus. Aber auch das ist letztlich durch Tatsachen angeregte Fiktion. Andererseits könnte man auch fragen, ob die von Historikern aus einzelnen Tatsachen verdichtete Geschichte, letztlich nicht auch eine Geschichte ist, also mehr oder weniger Fiktion.
Die Angst davor, Fiktionen als Fakten zu erinnern, Fiktionen, die Fakten überschreiben, auslöschen oder manipulieren, beschäftigt mich. Jüngere oder Zeitgenossen ohne wissenschaftliche „Erziehung” werden sich fragen, was ich da für ein Problem habe. Für mich ist es eines.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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