Die Annahme, dass Diagnosen allein dem Erkrankten geschuldet seien, ist naiv.
Diagnosen dienen in erster Linie dazu, Krankheiten zu identifizieren, um gezielt effektive Therapien wählen und anwenden zu können.
Nur bei entsprechender Diagnose haben Erkrankte Anspruch auf die zur Heilung erforderlichen Medikamente, Heilverfahren und Heilmittel. Insofern sind Diagnosen für Krankenversicherungen von enormer Bedeutung. Es können zweifellos Einsparungen erzielt werden, in dem Diagnosen, die kostspielige Therapien erforderlich machen, eher restriktiv gestellt werden, zum Beispiel bei älteren Menschen. Selbst die Abklärung einer Diagnose muss als kostenrelevant eingestuft werden - sollte eine Computertomographie bei einem älteren Menschen mit Verdacht auf arteriosklerotische Herzgefäßerkrankung durchgeführt werden, wenn man eine Herzoperation ohnehin nicht finanzieren möchte. Ist in solchen Fällen die allgemeine Diagnose einer Herzschwäche nicht kostengünstiger? Wenn Ärzte in ihren Ordinationen pro Quartal beispielsweise sehr teure Medikamente nur kontingentiert verschreiben dürfen, liegt es da nicht nahe, dass Diagnosen darauf Rücksicht nehmen, um diesen Missstand nicht allzu öffentlich zu machen?
Werden, wie van der Kolk an Beispielen ausführt, Diagnosen gar unterdrückt, weil sich daraus Leistungsansprüche der Erkrankten knüpfen könnten, wie beispielsweise bei Soldaten, die traumatisiert aus einem Krieg nach Hause kommen? Können Versicherungsleistungen eingespart werden, weil die dafür erforderliche Diagnose (zumal nach ICD-10, DSM-5 …) nicht nachgewiesen werden können? Besteht ein Anspruch, wenn Gutachter von Versicherungen zu einer anderen Diagnose kommen (auf welcher Grundlage auch immer)?
Die richtige Diagnose entscheidet darüber, ob Erkrankte Anspruch auf Leistungen haben oder nicht. Die Diagnose wird zu einem eminent wirtschaftlichen Faktor, der eben nicht mehr in erster Linie die Heilung eines Erkrankten zum Ziel hat.
Noch problematischer wird es, wenn Diagnosen via künstlicher Intelligenz und Algorithmen auf Basis von Big Data erstellt werden. Die Diagnose wird auf statistisch errechnete Wahrscheinlichkeiten reduziert und ist abhängig davon, aufgrund welcher interessensgeleiteten Programmierung welche Informationen in welcher Weise im Algorithmus berücksichtigt und verarbeitet werden sollen, wie lernende Systeme trainiert werden. Wenn KI als Unterstützung genutzt wird, mag das sicherlich sinnvoll sein, wenn sich mangels Kompetenz oder Bequemlichkeit Mediziner ohne eigenes Urteil auf solche Systeme verlassen, dann ist das ein Problem. Das aber ist ein eigenes Kapitel.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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