Diagnose

Fahrlässiger Umgang mit einem Begriff

Begriffe Fahrlässigkeit

Beim Gebrauch von Begriffen macht sich zunehmend ein gewisser Schlendrian breit, selbst bei der Verwendung von Fachbegriffen. Dabei geht es nicht um Fragen einer akademischen Kür, sondern bei Begriffen kann es ums Ganze gehen. Am Beispiel des Begriffs „Diagnose” wird anschaulich, dass dieser Schlendrian, dann, wenn beispielsweise ein Arzt eine Vermutung als Diagnose ausgibt, einem Patienten gehörig schaden kann oder wenn eine Krankheit nicht als Krankheit diagnostiziert werden kann, weil diese nicht in international statistischen Klassifikationssystem aufscheint, wie beispielsweise im ICD-10 oder DSM-5.

Diagnose ist eine Tatsachenbehauptung, keine Vermutung

Unter Diagnose versteht man nicht „Annahme”, oder „Vermutung”, eine Diagnose ist auch keine „Theorie” oder „Hypothese”. Eine Diagnose ist eine Tatsachenbehauptung, von der ausgehend fallweise Therapien abgeleitet werden. Eine Diagnose ist der beste Fall, wenn jemand mit einer Krankheit oder einem Gebrechen medizinische Hilfe sucht. Zwar kann sich herausstellen, dass eine Diagnose eine Fehldiagnose war, ein Irrtum, was aber nichts daran ändern würde, dass die Diagnose als Tatsachenbehauptung, das heißt als Urteil, angetreten ist.

Nun möchte man meinen, dass ein wissenschaftlich geschulter Verstand sehr zurückhaltend mit dem Begriff „Diagnose” umgeht und ihn keinesfalls leichtfertig verwendet. In der Praxis zeigt sich allerdings, dass Mediziner häufig selbst so nonchalant mit dem Begriff umgehen wie Hinz und Kunz ihn umgangssprachlich verwenden.

Mag sein, dass viele Ärzte mit entsprechendem Selbstbewusstsein ausgestattet sind, das Zweifel und Selbstkritik ausschließt und sie davon ausgehen, dass sie zweifelsfrei, ohne selbstkritische Vorbehalte feststellen können „was der Fall ist”. Das hat aber mit Wissenschaft wenig bis nichts zu tun. Auch Exorzisten glauben unbelastet von Zweifeln, die Tatsache einer Besessenheit feststellen zu können.

Wochen nachdem ich diesen Beitrag geschrieben hatte, las ich bei Bessel van der Kolk in „Verkörperter Schrecken” folgendes:
„Die Art, wie wir [gemeint sind Psychiater] ihre Probleme definieren, also unsere Diagnose, entscheidet darüber, wie wir uns um sie kümmern. Solchen PatientInnen werden im Laufe ihrer psychiatrischen Behandlung oft fünf oder sechs völlig verschiedene Diagnosen gestellt. Konzentrieren sich die behandelnden Ärzte auf Stimmungsumschwünge, definieren sie das Problem als bipolare Störung und verschreiben Lithium oder Vlaproat. Lassen sie sich von der Verzweiflung der PatentInnen beeindrucken, wird von einer Major-Depression gesprochen, und man verschreibt Antidepressiva. Fällt den Ärzten die Ratlosigkeit und Mangel an Aufmerksamkeit besonders auf, wird wahrscheinlich ADHS diagnostiziert und Riatlin oder ein anderes Stimulans verschrieben. Und falls das Klinikpersonal sich über das Vorliegen einer Traumavorgeschichte informiert hat und die betreffende Patientin die dafür erforderlichen Information tatsächlich preisibt, kann die Diagnose auch PTBS lauten. Keine dieser Diagnosen ist völlig abwegig, aber keine beschreibt andererseits wirklich erhellend, wer die betreffenden PatientInnen sind und worunter sie leiden.”

Das Problem mit Standardisierungen wie ICD-10 oder DSM-5

Standardisierungen, wie sie beispielsweise im ICD-10 vorliegen, begünstigen einen eher fahrlässigen Umgang mit dem Begriff „Diagnose”. Der ICD-10 ist ein internationales statistisches Klassifikationssystem (unter anderen), jedoch kein Diagnosehandbuch, als was es nicht selten missbraucht wird. Mancher Arzt sucht darin so lange, bis er etwas entdeckt, was womöglich als Diagnose passen könnte, anstatt sie selbst zu stellen sucht er dort danach. Der ICD-10 ist aber nicht als Diagnosesammlung angelegt, sondern zielt auf eine internationale Systematisierung, eigentlich Kategorisierung, wobei ursprünglich der Blick auf eine internationale Verwendbarkeit (z.B. für Statistiken etc.) im Vordergrund stand. Daneben gibt es aber auch massive wirtschaftliche Interessen.

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