Wo in den 60er und 70er Jahren Kinder tobten und das Leben pulste blieb der Tribut an die Zeit nicht aus. Die Kinder wurden älter und verließen eines nach dem anderen die Elternhäuser, die meisten die Siedlung und viele davon Wegscheid. In der Siedlung wurde es ruhiger. Nur der Verkehr nahm zu, das Tempo, mit dem die Autos durch die Siedlung fuhren, der LKW und Busverkehr. Die jungen Eltern von damals wurden älter, viele, voran die Männer starben. Vor fünfzehn Jahren hörte ich jemanden die Mühlgasse als die Straße der Witwen nennen. Und es stimmte. Dann, einige Jahre später starben auch die Frauen, die jungen Mütter von damals. Nur sehr wenige sind noch am Leben, nur einzelne leben noch in Wegscheid, dort, wo sie seit Jahrzehnten gelebt hatten. Die Häuser haben die Eigentümer und Besitzer gewechselt. Kinder gibt es nur noch wenige, obwohl 2022 die erste Klasse Volksschule wieder dreizügig geführt werden muss, weil es 64 Schulanfänger gab.
Nachbarschaft ist vielfach verloren gegangen. Es sind Menschen zugezogen, die anscheinend wenig Interesse an nachbarschaftlicher Gemeinschaft haben. Sie sind teils aus entfernten Gegenenden hierher gezogen, wenig vertraut mit den Gepflogenheiten, dem Mit- und Füreinander. Es ist günstig, in Wegscheid zu leben, was Mieten und Lebenshaltung angeht. Es gibt (noch) ein Krankenhaus, ein gutes Angebot an medizinischer Versorgung, eine scheinbar noch intakte Natur. Das mag für einige reichen. Jedenfalls ist es seltsam in einer Straße zu leben, in der es mehr Fremde als Nachbarn gibt.
Wer erzählt die Geschichte der Straße, der Menschen, die hier lebten? Wen sollte das interessieren? Es interessiert mich, der ich hier eine schöne Kindheit hatte, in den Linden der Kohlbauerkapelle kraxelte, viele Freunde in der Nachbarschaft hatte und vieles erlebte.
Das Leben hat sich aus der Mühlgasse zurückgezogen und wenig ist geblieben, kaum Neues dazu gekommen. Es wird in anderen Siedlungsgebieten ähnlich sein, manche stehen wohl noch am Anfang ihres Lebenszyklus. Was aber die Mühlgasse von diesen Siedlungen unterscheidet ist die Kohlbauerkapelle, ein Treffpunkt, ein Siedlungszentrum, ein Ort, an dem Kinder sein durften und gerne gelitten waren, ein Ort, an dem sich auch heute noch junge Leute treffen. Das machte das Leben in der Mühlgasse so besonders. Orte wie die Kohlbauerkapelle mit den vier Linden waren und sind Lebensorte.
Nachtrag: 2025 starb die letzte Witwe in einem Seniorenheim in Hauzenberg.
Allmählich, aber bestimmt verändert die Mühlgasse ihren Charakter. Waren es die kleinen, bescheiden Häuser aus der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts, die der Straße ihren Charakter verliehen, dann ab den 60ern die überschaubaren Eigenheime, so schaffen nun neue Häuser mit teils enormem Bauvolumen für eine veränderte Maßstäblichkeit. Es ist keine einheitliche Siedlungsstraße mehr.
Am Auffälligsten wird die Veränderung an der Zahl der Park- beziehungsweise Stellplätze. Unmittelbar gegenüber der Kohlbauerkapelle entsteht anstelle eines Einfamilienhauses ein Wohngebäude für sechs Wohnung und für jede dieser Wohnung müssen zwei Stellplätze bereitgestellt werden, also 12 Stellplätze anstelle einer Garage für ein Auto. Sollte das Seniorenzentrum noch gebaut werden, so kommen weitere 14 Stellplätze hinzu. Auf kleinem Raum wird es dann mehr Stellplätze geben als die gesamte Marktstraße entlang Parkplätze - 26 Stellplätze. — Siehe dazu den Beitrag: Die Kohlbauerkapelle und 26 geplante Stellplätze.
Wandel ist nicht zu vermeiden und man kann nichts wirklich festhalten. Was aber schade ist, und das nicht nur hier, dass das, was danach kommt, nicht die Qualität dessen erreicht, was es verändert oder verdrängt.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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