Seit ich als Kind beobachtete, wie ein Mensch mit sichtlichem Vergnügen ein Tier grausam quälte, beschäftigt mich die Frage, warum Menschen so etwas tun, die Frage nach dem Bösen.
Was ist es, das Böse? Gibt es das Böse überhaupt? Manche sind davon überzeugt.
Ist das Böse eine Eigenschaft, wie Trunksucht oder Liebenswürdigkeit oder ist es ein unabhängig wirksames Wesen, wie Behemoth, Luzifer, Satan oder der Teufel? Gibt es Dämonen und Geister, die Besitz von Menschen ergreifen und sie mit dem Bösen infizieren können? Oder ist das Böses „nur” ein bestimmtes unmoralisches Verhalten, das sozial und gesellschaftlich nicht akzeptiert wird? Kann ein Mensch böse sein oder nur sein Verhalten?
Sofern dem „Bösen” Sein zugesprochen werden soll, also eine eigenständige Existenz, gibt es das Böse, darin sind sich zumindest die Philosophen weitgehend einig, ebenso wenig wie den Teufel. Sie sind nicht dieser Meinung? Immerhin kennt der Volksmund das personifizierte Böse und nennt es „den Leibhaftigen”. Dämonen und böse Geister werden in gewissen Kreisen der katholischen Kirche immer noch mittels Exorzismus ausgetrieben. Das klingt exotisch, aber das Exorzismusgebet ist nach wie vor Bestandteil der Taufliturgie. Wie aber stellen sich der Katholizismus oder andere Religionen böse Geister, Dämonen und Teufel, das Böse vor?
Für Theologen ist es undenkbar, dass es neben einem allmächtigen Gott ein eigenständiges von ihm unabhängiges Böses gibt, quasi in einem manichäischen, zoroastrischen Dualismus. Stellt man das Böse Gott oder dem Guten gegenüber, dann bleibt man diesem Dualismus verhaftet. (Bei der allgemeinen Kirchenversammlung in Florenz (1438-1445) wurde festgestellt: "Aus seiner Güte schuf er, wann er wollte, alle Geschöpfe: geistige wie körperliche. Sie sind gut, weil sie vom höchsten Gut erschaffen worden sind. Das Böse besitzt keine Natur, weil alle Natur insoweit Natur, gut ist." NR 301) Eine populäre Version dieses Dualismus findet sich in Star Wars bei Jedi-Rittern und Sith-Lords, mit Anakin Skywalker gegen Darth Vader. Ich will das nicht bagatellisieren und dies Dualismus in das Reich der Science Fiction verlagern. Ganz konkret hat Ronald Reagan von der „Achse des Bösen” gesprochen und seine Außen- und Rüstungspolitik entsprechend angelegt, ganz dem Kampf des Guten gegen das Böse verschrieben.
In den monotheistischen Religionen muss das Böse Gott gewissermaßen untergeordnet sein. Daher das Bild des Bösen in Gestalt des Verführers, des Anklägers der Menschen vor Gott, in der ihm zugedachten Rolle. Die Teufelswette in Goethes Faust mag dies anschaulich illustrieren.
Schon früh haben Theologen, angefangen bei Augustinus über Thomas von Aquin, einen Weg gefunden, die Frage nach der Existenz des Bösen gewissermaßen zu umgehen. Sie gehen davon aus, dass die Schöpfung, so wie es schon im Buch Genesis heißt, gut ist und damit auch der Mensch. Es gibt einzig das Gute. Das Böse ist das Fehlen von Gutem, ist „privatio boni”. Das Böse als solches existiert nicht, sondern zeigt sich nur als Abweichung vom Guten.
Immanuel Kant prägte den Begriff des „radikal Bösen” in seinem im Jahr 1792 veröffentlichten Aufsatz: "Über das radikal Böse in der menschlichen Natur". Kant sieht darin wie die Theologen kein Wesen, keine Entität, sondern er meint damit eine Neigung, dem allgemeinen „Sittengesetz” zuwiderzuhandeln.
Hannah Arendt griff Kants Formulierung des „radikal Bösen” in ihrem 1955 erschienen Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft” auf, ausführlicher in ihren Vorlesungen zu Fragen der Ethik, die sie 1965 an der New School for Social Research in New York gehalten hat und die in Deutsch unter dem Titel „Über das Böse” 2007 posthum veröffentlicht wurden. In ihrem Denktagebuch führt sie ihr Nachdenken über das „radikal Böse” weiter: "Es gibt das radikal Böse, aber nicht das radikal Gute. Das radikal Böse entsteht immer, wenn ein radikal Gutes gewollt wird." (Heft XIV, 32, April 1953) Der " Horror des Bösen und zugleich seine Banalität", so Hannah Arendt, liege häufig in der Tendenz, das Urteilen zu verweigern und dem " Unwillen oder der Unfähigkeit, durch Urteil zu Anderen in Beziehung zu treten". So entstünden "die wirklichen "scandala", die wirklichen Stolpersteine, welche menschliche Macht nicht beseitigen kann, weil sie nicht von menschlichen oder menschlich verständlichen Motiven verursacht wurden" (Über das Böse, S. 150) Im Zusammenhang mit ihrer Berichterstattung zum Eichmann Prozess 1961 prägte sie die Formulierung „Banalität des Bösen”.
Dann wieder meint der französischen Philosophen André Glucksmann auf die Frage, ob das Böse noch eine philosophische oder doch schon eine theologische Kategorie sei, dass die Vorstellung des Bösen eine menschliche Kategorie sei. Auf die Nachfrage, ob er von der Vorstellung oder der Realität des Bösen spreche, antwortete Glucksmann: "Von der Vorstellung, weil von der Realität. Man kann sich eine Idee des Bösen bilden, weil das Böse Realität ist." Quelle
In welchem Bezug stehen "das Böse" und der von René Descartes eingeführte „genius malignus”? Der LIeraturwissenschaftler Joseph Vogl hat im Gespräch mit Omri Boehm diesen „genius malignus” eingebracht. In seiner Meditatio I schreibt er: „Supponam igitur non optimum Deum, fontem veritatis, sed genium aliquem malignum eundemque summe potentem et callidum omnem suam industriam in eo posuisse, ut me falleret.” — Diesen Gedanken fortzudenken wäre sicherlich lohnenswert.
Ich habe im Sudelbuch dazu einen kurzen Eintrag gemacht: Hannah Arendt und das radikal Böse
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
Wir verwenden Cookies. Mehr erfahren
Einige technisch notwendige Cookies sind für den Betrieb der Seite unerlässlich. Wenn Sie alle Cookies ablehnen, können wir Ihnen die Seite nicht korrekt anzeigen.
Möchten Sie stattdessen zu Google navigieren?