Ist diese Frage wirklich so wichtig, um sich mit ihr auseinanderzusetzen? Ich bezweifle das stark, jedenfalls sofern damit Erlösung im religiösen Sinne von Erwählung zu ewigem Leben im Gegensatz zu ewiger Verdammnis gemeint ist. Schließlich bezieht sich das auf den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod, auf einen Glauben, der mir fremd geworden ist.
Es stellt sich die Frage, ob es eine Erlösung vor dem Tod gibt. Sieht man vom Glauben an die schuldbefreiende Wirkung von Taufe und durch Beichte und Buße, Ablass und dergleichen ab, wird oftmals der Tod als Erlösung beschrieben, von Hinterbliebenen Verstorbener, die einen harten Leidenskampf zu kämpfen hatten. Wenn jemand, während er gefoltert wird, stirbt, ist das gewiss eine Erlösung.
Erlösung gedacht als Ende, Beendigung eines unerträglichen, unaushaltbaren Lebens oder von Lebensumständen ist eine plausible Vorstellung.
Erlösung wird zumeist als "Erlösung wovon" gedacht, weniger als "Erlösung woraufhin". Das wird erst dann greifbar, wenn Erlösung als Befreiung gedacht wird. Aber so eindeutig ist das auch nicht. Die Französische Revolution war keine Erlösung von der Unterdrückung und Ausbeutung durch die herrschende Aristokratie und König Ludwig XVI., es war eine Befreiung von diesen Übeln - zumindest sagt man das so.
Ist „Erlösung” mit „Befreiung von” gleichzusetzen? Liegt nicht ein großer Unterschied in den Formulierungen: „Wir haben uns von unerträglichen Umständen befreit” und „Wir haben uns aus unerträglichen Umständen erlöst”, bzw. müsste man womöglich sogar formulieren: „Wir wurden aus unerträglichen Umständen erlöst”?
Kein Zweifel, man kann sich selbst befreien, im wörtlichen und übertragenen Sinn. Kann man sich selbst erlösen?
Was macht den Unterschied in der Formulierung (und im Erleben): „Wir wurden befreit” und „Wir wurden erlöst”? Ist es vorstellbar, dass beide Formulierungen ein und denselben Tatbestand beschreiben? Um auf die umgangssprachliche Formulierung, dass jemand durch den Tod von seinem Leiden erlöst wurde, zurückzukommen; im alltäglichen Sprachgebrauch ist die Formulierung „durch den Tod von seinem Leiden befreit” wenig geläufig.
Wenn man sagt, jemand sei von seinen Leiden befreit worden, dann deutet das in der Regel darauf hin, dass jemand geheilt wurde und weiterlebt. Wenn man hingegen sagt, jemand sei von seinen Leiden erlöst worden, so geht man gemeinhin davon aus, dass er das Leiden nicht überlebt hat.
Erlösung, so könnte man folgern, deutet auf etwas hin, was im Begriff Befreiung nicht mitgemeint ist. Würde das zwangsläufig auf eine religiöse, zumindest metaphysische Dimension hindeuten? Könnte man soweit gehen und davon sprechen, dass Befreiung ein politischer Begriff sei und Erlösung ein im weitesten Sinne religiöser? Man machte es sich zu einfach, Erlösung in den diffusen Horizont religiöser Selbst-, Welt- und Gotteserfahrung zu rücken, oder gar zu folgern, dass wirkliche Erlösung nur „von Oben” kommen könne.
Sagt man: Jemand wird von Selbstzweifeln oder von Schuldgefühlen befreit, oder erlöst? Es ließe sich antworten, dass derjenige insofern von Selbstzweifel und Schuldgefühlen befreit wurde, als kein strafrechtlicher Tatbestand einen Verdacht erhärten konnte. Andererseits könnte jemand sich von seiner Schuld durch Vergebung erlöst fühlen, ohne vom tatsächlichen Umstand befreit zu sein. Eine solche Vergebung könnte durch ein Opfer selbst geschehen oder bei Gläubigen in der Beichte durch Bekenntnis und Lossprechung. Man könnte sich von der Schuld, jemanden durch einen Kunstfehler bei einer Operation Zeit seines Lebens geschädigt zu haben, durch Vergebung des Geschädigten erlöst fühlen, aber nicht befreit vom Umstand, dass der tatsächliche Schaden fortbesteht, den man selbst verursacht hat. Oder, um ein anderes Beispiel anzuführen: Deutschland wurde 1945 durch die Alliierten von der NSDAP Herrschaft befreit, aber Deutschland wurde nicht erlöst von der Schuld der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, der Shoa.
Erlösung rückt in den Zusammenhang von Schuld. Ich denke nicht, dass man sich aus (moralischer) Schuld befreien kann oder aus Schuld befreit werden kann. Es braucht Vergebung, bevor Erlösung möglich wird. Wer könnte die Gräueltaten der NS Diktatur, die Millionen Opfer, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit und die Kriegsverbrechen vergeben? Daher wird diese Schuld nicht entschuldbar sein und Deutschland aus dieser Schuld nicht erlöst werden können.
Hier wird auch deutlich, dass die Frage nach Erlösung nicht irrelevant ist. Nicht erlöst zu sein bedeutet, mit Schuld als Bürde leben zu müssen, als Einzelner oder im Kollektiv. Auf das Bemühen um Versöhnung kann nicht immer mit Vergebung geantwortet werden.
Zunächst dachte, ich dass es auch eine Erlösung vom Bösen gäbe, da etliche deutsche Übersetzungen des Vater Unser die entsprechende Verszeile so übersetzen: „Und erlöse uns von dem Bösen”. Blickt man allerdings auf den lateinischen Text oder auf die aramäische Urform und den griechischen Text, so zeigt sich, dass die philologisch korrekte Übersetzung lauten müsste: „Und befreie uns von dem Bösen”. Da wird etwas Wichtiges sichtbar. Das Böse nach der ursprünglichen Vorstellung war keine moralische Verfehlung des betenden Subjektes, wie man das bei „erlöse uns von dem Bösen” unterstellen könnte, sondern meinte wohl eher eine „Macht”, die vom Betenden Besitz ergriffen hat. Die minimale Verschiebung durch die Übersetzung von ܒܝܫܐ (bišā) gibt dem Vers eine ganz andere Bedeutung hinsichtlich der Beziehung zum Bösen.
Lassen wir sämtliche metaphysische und religiöse Dimensionen wie andere Ideologien unberücksichtigt, so zeigt sich, dass es Erlösung im Wesentlichen von Schuld im Zwischenmenschlichen gibt, allerdings unter der Voraussetzung einer vorangegangenen Vergebung. Ohne diese Vergebung kann es auch keine Befreiung aus der Schuld geben. Dazu braucht es keinen Glauben.
© 2026 von Dr. Conrad Lienhardt
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