Seit gut zwanzig Jahren reden Beobachter der Bildungslandschaften von Leistungs- und Noteninflation, davon, dass immer mehr Schüler:innen an Gymnasien kommen, die eigentlich dafür die erforderliche Qualifikation nicht mitbringen. Das setzt sich dann fort. Mit teilweise besten Abiturnoten kommen diese Schüler:innen dann an die Universtäten, obwohl viele die kognitiven Voraussetzungen dafür nicht mitbringen und teilweise auch die erforderliche Vorbildung fehlt.
Nun las ich in der DIE ZEIT vom 17. Januar 2026, dass an Gymnasien Goethe und Schiller (wohl aber auch andere Autoren) in leichter Sprache gelesen werden - und das schon seit vielen Jahren. Wie gesagt, es wundert heute niemanden mehr, dass eine gar nicht so geringe Zahl von Gymnasiast:innen Schwierigkeiten mit den Grundtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen haben. Dass man aber, statt ihnen zu erklären, sie seien für ein Gymnasium nicht ausreichend qualifiziert, mit einem Abbau der Leistungsanforderungen und guten Noten entgegenkommt, widerspricht dem gymnasialen Bildungsideal und den konkreten Anforderungen im Berufsleben. Auch an Hochschulen tummeln sich viele Studierende, bei denen man sich fragt, wie sie zu einem Abitur gekommen sind, bei einigen fragt man sich sogar, wie es es an ein Gymnasium geschafft haben.
Jens Jenssen verortet das Problem in besonderem Maße an den Hochschulen: Die Germanistikstudenten, aus denen ja größtenteils Deutschlehrer hervorgehen sollen, sind nämlich ihrerseits schon eher unwillig, sich dem Anspruchsniveau der klassischen Literatur zu stellen – zumindest zeigen sie sich solide leseunwillig, wenn man den Klagen der Professoren glauben will.
Stefan Weber drückte das so aus: „Das Problem ist nicht, dass sie das Falsche studieren, sondern dass sie studieren.“ In: Addendum vom 7.3.2019
Während meiner langjährigen Tätigkeit als Lektor an einer Fachhochschule konnte ich den Leistungsverfall auf der einen und die Noteninflation auf der anderen Seite innerhalb weniger Jahre verfolgen. Im Internet Archive können Sie meine Beiträge dazu nachlesen: Studierendenleistung – Was hat sich über die Jahre verändert?, Leistungs- und Noteninflation