Ein Fünftel der Österreicher_innen ist von Analphabetismus betroffen Analphabetismus ist kein Randphänomen. Analphabetismus wird in drei Stufen beschrieben:
Günter Anders benennt noch eine weitere Form des Analphabetismus, die in Zeiten digitaler Medien virulent ist:
Selbst ohne die ‚Sekundären Analphabeten’ (hier habe ich keine verlässlichen Zahlen gefunden) sind über 21 Prozent der 16 bis 65jährigen Österreicher*innen in irgendeiner Form von Analphabetismus betroffen, sind mehr oder weniger Analphabeten. Vgl. dazu auch meinen Beitrag „Zu lange, das lese ich nicht” - Folgen für das Marketing.
Wer Probleme mit Lesen und Schreiben hat, hat sehr häufig auch ein reduziertes Sprachvermögen und verfügt über einen geringeren Wortschatz. Nun ist der Zusammenhang von Sprache und Denkfähigkeit nachgewiesen. D.h. Menschen mit geringer Sprachfähigkeit sind i.d.R. nicht, jedenfalls weniger in der Lage, komplexe Sachverhalte und Zusammenhänge zu verstehen. Sie neigen dazu, diese zu simplifizieren. Entsprechend sind sie anfällig für simple Botschaften - seien das Werbebotschaften oder politische Propaganda.
Der politische Alltag belegt, dass große Teile der Bevölkerung mit der komplexen gegenwärtigen gesellschaftlichen, ökonomischen und ökologischen Entwicklung überfordert sind. Das macht diesen Angst. Angst reduziert die Fähigkeit zu verstehen weiter und macht diese Menschen empfänglich für Manipulationen.
Vor allem ist hier die spaß- und erlebnisorientierte Unterschicht und untere Mittelschicht betroffen, wie auch besonders die sogenannten Konsum-Hedonisten. Funktionaler Analphabetismus ist jedoch auch ein zunehmendes Phänomen in Akademikerhaushalten. Selbst bei Personen, die eine formale akademische Ausbildung durchlaufen haben, lässt sich fallweise der Verdacht auf funktionalen Analphabetismus nicht immer ausschließen. Die Verdeckungsstrategien von Analphabeten sind teilweise sehr wirksam. Mein Plädoyer: Anstelle einer Steigerung der Akademikerquote wäre es sinnvoller, die Quote der Analphabeten zu senken. Zur Zeit gibt es in Österreich deutlich mehr Analphabeten als Akademiker.
Menschen mit geringem Bildungsniveau zählen vielfach zu den angenehmen Konsumenten. Sie geben teilweise viel Geld für Konsumgüter aus, sind tendenziell eher bereit sich für die Anschaffung von Konsumgütern zu verschulden und haben in der Regel weder Kenntnisse noch ausreichend Geld, um sich gerichtlich mit Unternehmen auseinanderzusetzen, die ihre Produktversprechen nicht halten, deren Serviceleistungen unzureichend sind usf.
Wer sich schwer tut, einfache Texte zu lesen und zu verstehen, ist bei den umfangreichen, sehr verklausulierten Allgemeinen Geschäftsbedingungen bei Rechtsgeschäften beispielsweise im Internet i.d.R. heillos überfordert.
Die rasante Entwicklung in der digitalen Wirtschaft, aber auch in zunehmend digitalisierten Abläufen im Gemeinwesen lässt diese Personengruppen hinter sich. Das Versagen der Bildungspolitik, von dem u.a. Colin Crouch meint, dass es nicht auf Unfähigkeit zurückzuführen sei, trägt das ihre dazu bei.
Die Folgen für den Wirtschaft aber auch für die Demokratie sind gravierend. Politik und Wirtschaft sollten aufhören, nur an die kurzfristigen Gewinne zu denken. Die Herausforderung „Analphabetismus” ist groß.
Eine neue Form von Analyphabetismus — Im ständigen Umgang mit Kurztexten in Messengern oder auf Facebook, X, etc. sind viele Menschen nicht mehr daran gewöhnt, längere Texte zu lesen und verweigern das: too long; don't read. Es gelingt ihnen immer weniger die erforderliche Konzentration für längere Texte aufzuwenden diese zusammenhängend zu verstehen.