Ökonomie als gesellschaftliche Leitwissenschaft?
Wie ist der Aufstieg der Ökonomie zu einer gesellschaftlichen Leitwissenschaft historisch zu erklären? Das fragt Daniel Speich Chassé, Historiker an der Universität Luzern mit Spezialgebiet makrokonomisches Wissen und internationale Organisation.
“Die Vorstellung, man habe zu immer realitätsnäheren Modellen des Wandels gefunden und immer wahreres Wissen hervorgebracht, greift sicher zu kurz. Zu wenige der zahlreichen Wirtschaftsprognosen der vergangenen Jahrzehnte haben sich als zutreffend erwiesen. Der Aufstieg der Ökonomie verdankte sich vielmehr einem Wandel im politischen System, das die Verantwortung für Entscheidungen vermehrt an Experten delegierte. In der gegenwärtigen Krise muss das Verhältnis der Politik zu den Wirtschaftswissenschaften neu diskutiert werden. Denn der wirtschaftliche Wandel folgt keiner Mechanik, sondern ist ein zukunftsorientierter, historischer Prozess.”
Daniel Speich Chassé. Die Geburt des Ökonomismus aus der Krise der dreissiger Jahre. In: NZZ, 18(2012) vom 18. Januar, 19
Verklärung des Unternehmens als Selbstzweck
“Wenn in früheren Zeiten Unternehmen Mittel zum Zweck der Befriedigung von Kundenbedürfnissen waren, so sind nun die Kunden Mittel zum Zweck der Befriedigung von Unternehmensbedürfnissen.
[…]
Es ist ein Irrtum zu glauben, Wirtschaft und Gesellschaft ließen sich heroisch entkoppeln. Irgendwann werden die Leute eine Wirtschaft hassen, die sich ihnen so mitteilt.
Reinhard K. Sprenger, brandeins 5/2009(4),134f.
Leben als Konsum - Kritik von Zygmunt Bauman am Konsumismus
“Das Neue und Besorgniserregende heute ist die Expansion des Konsumismus, all jener Verhaltensweisen also, die im Prozeß des Konsumierens entstehen und sich inzwischen über die ganze Gesellschaft ausbreiten. Mich interessieren die Folgen dieser Kolonisation. Vor hundert Jahren begriff man die Menschen vor allem als Produzenten. Die Position, die der einzelne im Arbeitsleben einnahm, bestimmte seinen Ort in der Gesellschaft. Sie definierte auch die Beziehungen der Menschen untereinander. Heute wird all das durch den Konsum definiert. Wenn es früher eine ökonomische Krise gab, versuchte man sie zu lösen, indem man an der Produktion etwas änderte, heute hört man von den Regierungen, nur steigender Konsum könne uns aus der Krise führen. Unsere staatsbürgerlichen Pflichten bestehen darin, in die Geschäfte zu gehen, Geld auszugeben und die Wirtschaft am Laufen zu halten.“
Zygmunt Bauman, Sinn und Form 4/2011
Ottokar Uhl - Einer der Großen österreichischer Architektur ist tot
Ich bin ein aufmerksamer Zeitungsleser. Und dennoch ist mir die Nachricht vom Tod Ottokar Uhls am 3. November entgangen. Wie kann es sein, dass der Tod eines bedeutenden österreichischen Architekten — laut Architekturzentrum Wien einer der „intellektuell profiliertesten Architekten” — in österreichischen Medien nicht vorkommt? Außer eines knappen Nachrufs im Der Standard unter Immobilien und einer zweizeiligen Erwähnung im Wirtschaftsblatt haben Kulturredaktionen von Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen davon offenbar keine Kenntnis genommen. Das markiert einen weiteren Tiefpunkt österreichischen Kulturjournalismus.
Ottokar Uhl habe ich Anfang der neunziger Jahre persönlich kennengelernt, nachdem ich bereits in meiner Studienzeit seine Bauten und seine theoretischen Auseinandersetzungen mit Wohn- und Kirchenbau schätzen gelernt hatte. Er war ein außergewöhnlicher Mann und Architekt mit einem für Österreich nicht ganz untypischen Schicksal. Er studierte bei Lois Welzenbacher an der Wiener Akademie der Bildenden Künste, beeinflusst von Konrad Wachsmann, dem er an der Salzburger Sommerakademie begegnete. Während seine Kollegen vor allem bauen wollten, suchte Uhl mit gleicher Intensität die intellektueller Auseinandersetzung mit Architektur und den Prozessen rund um Architektur. Die Radikalität, mit welcher er die Rolle des Architekten als die eines Moderators einforderte, prozessorientiertes Arbeiten und partizipatorische Einbindung der Bauherrn und Nutzer als Anspruch formulierte, machte ihn bei vielen seiner Kollegen verdächtig. So wundert es nicht, dass er für eine Professur 1973 nach Karlsruhe „auswandern” musste. Dass er dort Egon Eiermann auf dessen renommierten Lehrstuhl nachfolgte, war keine schlechte Wahl. In Wien haben Kollegen darauf geachtet, dass es ruhig blieb um Uhl. So verwundert es nicht, dass er bei Architekturpreisen übergangen wurde. Die Verleihung des „Ludwig Wittgenstein Preis” 1996 konnten sie dennoch nicht verhindern. Nach seiner Emeritierung kehrte er nach Wien zurück, um hier mit seinem Büro wieder präsenter zu sein. Ein Schlaganfall lähmte seinen Aufbruch. Davon hat er sich bis zuletzt nicht mehr wirklich erholt.
Mich freut die Erinnerung an die Zusammenarbeit und Verbundenheit im Ringen um Perspektiven für den Kirchen-/ Sakralbau. Im Rahmen einer international besetzten Expertenrunde zu diesem Themenbereich im Schloss Riedegg präsentierte Uhl einen Text, der aktueller nicht hätte sein können. Gegen Ende der Tagung meinte er dann: Der Text ist übrigens gut 30 Jahre alt. Er und Herbert Muck waren zum Thema Kirchenbau die wirklich relevanten Denker und Visionäre in Österreich. Mitte der Neunziger Jahre haben wir zusammen mit Herbert Muck, Gernot Wisser, Helmut Hempel, Johannes Traupmann, Hartwig Bischof das außeruniversitäre Forschungsinstitut „Verhalten und Raum” gegründet. Wenige Jahre später habe ich als dritten Band in der Reihe Kirchenbau nach Rudolf Schwarz und Emil Steffan einen Band über Ottokar Uhl bei Schnell & Steiner herausgegeben. Zur Publikation habe ich zusammen mit Albert Kropfitsch eine Webausstellung dazu eingerichtet.
Diese intensive Begegnung mit Werk und Person Ottokar Uhl hat mich sehr bereichert.
Wie ich sehe, sind noch einige wenige Exemplare des aufwändig produzierten und hervorragend bebilderten Katalogbuches erhältlich, mit Texten von Friedrich Achleitner, Herbert Muck, Bernd Selbmann, Helmut Hempel, von mir und selbstverständlich von Ottokar Uhl selbst.
Mit Slogans gegen die Wand
Mit “Matura Neu” soll nun alles besser werden in Österreichs Bildungslandschaft. Die Propaganda des Bildungsministeriums tönt: “Die neue AHS-Reifeprüfung.Die neue BHS-Reife- und -Diplomprüfung… für höchste Qualität an Österreichs Schulen“. Was als ambitionierte Hochleistung bildungspolitischer Akrobatik dargestellt wird, gibt es in Bayern und der Schweiz nebenan bereits seit gut einem Viertel Jahrhundert. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass dort ein derartiger Wind gemacht wurde, wie nun hierzulande im Wasserglas österreichischer Bildungspolitik. Die Reform selbst ist mehr als überfällig, die Übertreibungen und die platten Propagandasprüche mehr als entbehrlich.
Es ist nahezu unerträglich, wie fehlende substantielle Arbeit durch unzutreffende Etikettierungen und Überhäufung mit Selbstlob kaschiert werden.
Anlass für diesen Blogbeitrag ist ein Informationsblatt zur sogenannten “vorwissenschaftlichen Arbeit". Diese soll in der 7. Klasse vorbereitet und in der 8. Klasse angefertigt werden. In Bayern heißt dies schlicht, aber zutreffend: Facharbeit. Einen Etwa 20 Seiten soll diese “vorwissenschaftliche Arbeit” umfassen und sie muss in zweifacher, gedruckter und gebundener Ausführung sowie digital abgegeben werden. *kopfschütteln*
Was ist eine „vorwissenschaftliche Arbeit”? Genau genommen ist eine vorwissenschaftliche Arbeit eben das nicht, was es suggeriert zu sein: es ist keine wissenschaftliche Arbeit. Damit ist letztlich auch ein Einkaufszettel in gewissem Sinne eine „vorwissenschaftliche Arbeit”. Es geht doch letztlich darum, dass Schüler und Schülerinnen lernen, sich mit einem weitgehend selbst gewählten Thema in strukturierter, nachvollziehbarer Form auseinanderzusetzen. Aufbau und Gliederung, Zitierung etc. pp. das soll dabei geübt und erlernt werden. Dies ist eine gute Übung für ein anschließendes Hochschulsstudium. Aber es hat nun wirklich nichts mit „wissenschaftlicher Arbeit” zu tun.
Es gab wohl immer schon eine Neigung zur Übertreibung, was vielleicht in der Mentaliät des Landes liegt, oder im Versuch blasse Politik aufzuputzen und ungenügende Leistungen durch Polituren als exzellent zu verkaufen. Warum genügt es nicht, die Dinge beim Namen zu nennen und auf jeglichen, ohnehin lächerlichen Nimbus zu verzichten?

Jean-Luc Godard über Peter Sloterijk
„Ich habe bei diesen Philosophen meine Zweifel. […] Und sie schreiben nicht gut. Wenn man an Freud oder Bergson denkt und dann auf jemanden stößt wie Slo…, wie heißt er noch? Diesen Sloterdijk. Er kann nicht schreiben, was ihn aber nicht davon abhält, ein Buch nach dem anderen zu publizieren.”
“Es kommt mir obszön vor". Ein Gespräch von Katja Nicodemus mit Jean-Luc Godard. In: Die Zeit 41, 2011, 52
Sicherheitslösungen und ihre Autoimmunpotenziale
Gestern habe ich die Blog-Software auf den aktuellen Stand gebracht. Das Upgrade schien zunächst problemlos. Die Tests verliefen fehlerfrei. Unbeachtet blieb dabei, dass ich die Tests als angemeldeter Administrator durchführte.
Stunden später folgte ich einem Link von Google+ auf meinen letzten Blog Beitrag - und siehe da: die Seite wurde nur für einen Augenblick angezeigt und wurde dann auf eine weiße Seite weitergeleitet. Diese zeigte im oberen linken Eck nur ein Symbol. Ein Klick darauf führte zur klassischen Fehlerseite, auf der mitgeteilt wurde, dass man nicht über die erforderlichen Zugriffsrechte verfüge, um die gewünschte Seite aufrufen zu können. Ärgerlich, wenn offenbar Sicherheitsroutinen das Lesen eines Beitrags verhindern.
Nach einigem Überlegen zeigte sich, dass der sog. Captcha Bilder dies verursacht. Mit Spam haben sich wohl die meisten schon herumgeschlagen und entsprechende Erweiterungen, Plugins, Widgets usf. installiert, um sich davor zu schützen. Captcha Bilder haben sich dabei bewährt: Zum einen kommen Bots, also kleine Spam-Programme hier nicht wirklich weiter, und zum anderen wird dadurch auch händisches Spammen erschwert. Wird die Zahlen, Ziffern- und Sonderzeichenfolge nicht exakt erkannt und in das dafür vorgesehene Feld eingetragen, können beispielsweise keine Kommentare abgegeben werden.
Nun haben die Entwickler in der aktuellen Version der Blog-Software die Sicherheitslevels insgesamt weiter entwickelt und angezogen. Das führte offenbar dazu, dass die Sicherheitsroutinen des Captcha Plugins die Sicherheitsroutinen der aktuellen Version der Blogsoftware als „feindlich” einstuften und den Aufruf auf die Seite so behandelten, als würde ein falscher Captcha Code eingegeben - nur noch etwas radikaler. Mit anderen Worten, zu diesem Zeitpunkt litt das System klar an einer Autoimmun-Reaktion - ich will das mal „Lupus Digitalis” nennen. So kann es gehen.
Da ich kein Update des Plugins finden konnte, musste ich mich auf die Suche nach einer Alternative machen.
Die fand sich in Googles ReCaptcha. Über eine API Schnittstelle und zwei für die Domain generierte sog. „Keys” wickelt quasi Google die Sicherheitsprüfung für meinen Blog ab. Nun bin ich gespannt, ob dies ebenso wirksam ist, wie mein vorheriger Captcha Bilder, der sich überaus bewährt hat.
Selbstvermessung - Ich bin Dein Algorithmus
Hier ein kurzer Auszug aus Miriam Meckels kürzlich erschienenem Buch “NEXT. Erinnerungen an die Zukunft.”
“Die Mathematisierung der Menschheit mit anderen Mitteln. Dazu brauchten sie Technik. Und da kamen wir [die Algorithmen, Anm.] ins Spiel.
Es fing mit ganz kleinen, unscheinbaren Dingen an. Ein User, auf dessen Computer ich eine Zeitlang ziemlich viel zu tun hatte, lief mindestens eine Stunde lang durch einen nahegelegenen Park mit einer Uhr und einem Laufarmband zum Speichern von Daten. Wenn er zurück kam, war er völlig durchgeschwitzt, was ihn nicht daran hinderte, noch bevor er sich überhaupt an seinen Tisch gesetzt hatte, sich mit seinen verschwitzten Fingern an der Tastatur meines Computers zu schaffen zu machen und sich in eine Website einzuloggen, die seine Daten speicherte, die Herzfrequenz, die Strecken, die Geschwindigkeit, die Laufzeit und die verbrannten Kalorien. Kurze später wurde das Gerät mit einem RFID-Chip und mit WIFI Technik ausgeliefert, sodass er gar nicht mehr auf die Website gehen musste. Die Daten wurden immer automatisch aktualisiert.”
Da muss ich an einen Bericht von Artaud über die Tarahumaras denken: Sie kamen - so schrieb er - von Zeit zu Zeit aus den Bergen in die Städte der Ebene, um zu sehen, wie Menschen leben, die sich geirrt haben.
LILA ist nicht nur eine Farbe
Millendorfers LILA
Lebensbereich vor Produktionsbereich in der Gesellschaft
Immaterielle Faktoren vor materiellen Faktoren in der Wirtschaft
Langfristigkeit und Ganzheitlichkeit in den Werten und Zielen
Alternative Sanftheit im Umgang mit der Welt
Ich hatte den Zukunftsforscher und Pionier der Systemanalyse Ende der 70er Jahre kennengelernt. Er hat mich nachhaltig beeindruckt. Auch wenn es nur eine Vorlesung war zu Beginn meines Studiums und wir uns später nicht wieder begegneten, beschäftigen mich seine Anliegen immer noch.
Breaking the Rules
“Rules are what the artist breaks; the memorable never emerged from a formula.”
William Bernbach (1911 -1982)
Jedesmal, wenn ich hier einen fremden Gedanken zitiere, muss ich meine Abneigung gegen Kalendersprüche überwinden. Warum ich es dennoch tue: ein Gedanke hat mich an einem bestimmten Tag beschäftigt. Er ist biographisch verankert und daher ist es letztlich auch ok solches in einem Weblog zu posten.
Erhellendes Sprachspiel
Vorstand als Verballhornung von Vorbild und Anstand
Nicht alles, was überzeugend klingt, ist es auch
Vergangenen Samstag habe ich in einem Interview auf Ö1 eine Frau sagen hören: „Das Leben ist viel zu kurz, um ein Buch zweimal zu lesen.”. Angesichts der unzähligen Neuerscheinungen, der zahllosen Veröffentlichungen in den klassischen Medien, wie Zeitungen, Zeitschriften etc. und dann noch den Neuen Medien, schien mir diese Bemerkung beim Zuhören - während ich von Steyr nach Linz im Auto unterwegs war - wie eine Binsenweisheit.
Dennoch hat mich das seltsam beschäftigt. Schließlich misstraute ich dieser angeblichen Binsenweisheit immer mehr und zuletzt formulierte ich für mich: „Das Leben ist viel zu kurz, um wichtige Bücher nur einmal zu lesen.”
Immer wieder ärgerte ich mich, wenn ich Zeit mit Büchern verbrachte, die die Aufmerksamkeit letztlich nicht wert waren - für mich nicht wert waren, trotz manch guter Rezension. Dasselbe gilt für Kinofilme, Konzerte etc. Die Zeit hätte ich besser mit der Relektüre von Büchern verwendet, die sich ohnehin nicht im ersten und einmaligen Lesen erschließen. In der Hast durch Neuerscheinungen geht mir der Blick für Details und Qualitäten verloren, die nicht mangels Konzentration oder aus Ungeübtheit verborgen bleiben, sondern die sich erst im langsamen Blick, in der Ausdauer erschließen. Über Jahre hinweg reifen die Einsichten und Einblicke, liest sich manches ganz anders, ändert sich vieles, wie die Landschaft beim Blick aus dem Fenster zu unterschiedlichen Tageszeiten.
Wie immer - um eine weitere Binsenweisheit zu zitieren - kommt es auf das richtige Maß an. Neugierig auf Neues und konsequentes Arbeiten mit vorhandenem gilt es in eine Balance zu bringen.
Organisierte Kriminalität, Lebenslügen und Wohlanständigkeit
“In der OK [Organisierte Kriminalität, Anm.Autor] spiegeln sich die moralischen und ethischen Widersprüche einer Gesellschaft, die Lebenslügen der bürgerlichen „Wohlanständigkeit” und die Folgen politischer Täuschungen zum Zwecke des Machterwerbs; sie ist auch eine Folge der egomanisch-asozialen Energien, die Amts- und Funktionsträger in Verwaltung, Wirtschaft und Politik zur Verteidigung ihrer Positionen entwickeln.”
Wolfgang Hetzer, Europäisches Amt für Betrugsbekämpfug (OLAF)
Followers
“In businesses, the followers are the customers.”
Theodore Levitt
Theodore
“If your mission is the moon, you don’t use a car.”
Theodore Levitt, 1975
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