μαιευτική

22.06.10 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

“Du kannst einem Menschen nichts lehren,
du kannst ihm nur helfen, es in sich selbst zu finden.”
Galileo Galilei

Diese Grundregel der Vermittlung geht angesichts der Fülle von Informationen und Wissen, das vermittelt werden soll, immer wieder unter. Ich bin froh, dass mir daher das Prinzip μαιευτική immer wieder zufällt und mich wach rüttelt.

Loyalität - Oft eingefordert, vielfach missbraucht

10.05.10 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

Loyalität wird oft eingefordert und vielfach missbraucht. Wer sich gegen den Missbrauch von Loyalität wehrt, wird nicht selten mit dem Vorwurf fehlender Loyalität konfrontiert, als würde Loyalität auch einschließen, sich ausnutzen und missbrauchen zu lassen.

Loyalität ist keine Einbahnstraße. Sie erfordert auf beiden Seiten hohe ethische Standards und entsprechend verlässliche Commitments.

Missbrauch von Loyalität entbindet die Betroffenen von Loyalität.

Richtung 1984?

22.01.10 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

Unlängst habe ich gelesen, dass jemand verhaftet wurde, nur weil er seinem Ärger über enorme Flugverspätungen in einem Tweet (Nachricht über Twitter) an Freunde Luft gemacht hatte und darin meinte, dass man den Flughafen einfach in die Luft sprengen sollte. Wer bestimmte Worte und Begriffe verwendet ist wohl schnell auf einer Watchlist oder im Kriminal.

Comte de Lautréamont (denke da an die Gesänge des Maldoror), André Breton (hier erinnere ich mich an seinen Aufruf im Surrealistischen Manifest: .. mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings soviel wie möglich in die Menge zu schießen), u.v.a.m. würden wohl alle in irgend einer Weise kriminalisiert werden. Ob ein Urs Allemann heute noch den Bachmann Literaturpreis für sein "Babyfi cker" (1991) bekäme, oder doch eher eine Klage, lässt sich wohl nicht eindeutig sagen.

Die Verrohung unserer Sprache einerseits und andererseits die weit über political correctness hinausgehende Beschränkung von Meinungsfreiheit ist schon bedenklich. Noch bedenklicher sind die Überlegungen die es ermöglichen sollen, einzelne bereits vor Begehen einer Straftat zu verhaften und zu verurteilen - nur auf die begründete Aussicht hin, dass sie diese hätten verüben wollen.
Die Freiheitsrechte werden spürbar und fortgesetzt eingeschränkt. Das ist nicht nur eine demokratische Herausforderung. Freiheit ist immer auch riskant. Das Risiko minimieren und/oder die Herausforderung "entschärfen" bringt zwangsläufig Verlust von Freiheit mit sich. Dieser Verlust von Freiheit ist durch ein vermeintliches Mehr an Sicherheit und Versorgungshaltung nicht zu rechtfertigen. Die Idee der Freiheit muss in der Verantwortung jedes einzelnen Bürgers bleiben, sie kann nicht folgenlos delegiert werden.

In diesem Zusammenhang habe ich ein sehr aufschlussreiches, informatives und gut geschriebenes Buch gelesen: Angriff auf die Freiheit: Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte von Ilija Trojanow und Juli Zeh. Ein Buch, das ich wirklich empfehlen kann.

Machiavelli oder Die Einheit von Esprit und Staatsführung

20.01.10 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

Carlo Schmid hat 1956 unter diesem Titel einen anregenden Aufsatz verfasst. Er ist mir dieser Tage wieder in die Hände geraten, nach gut fünfundzwanzig Jahren. (In: Carlo Schmid, Politik muss menschlich sein, München 1980)
Angesichts der politischen Entwicklungen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene kommt der Lektüre von Machiavellis 'Il Principe', besonders aber der 'Discorsi' gewisse Aktualität zu, auch wenn sie das Leiden an den Zuständen nicht lindern kann.

Pedro Paramo von Juan Rulfo

08.01.10 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Lesestoff

Von Dagmar Ploetz neu übersetzt und bei Hanser 2008 verlegt ist Juan Rulfos Roman Petro Páramo zu einem wichtigen Begleiter geworden. Er zählt zu den wenigen Büchern, die ich oft aufschlage, in welchen ich oft lese, sie fertig zu lesen ich mich innerlich aber sträube. Eines dieser Bücher ist in den 25 Jahren seit es mich begleitet schon ganz zerlesen. Und doch habe ich es noch nicht ganz gelesen. Manchmal nehme ich die Bücher nur zur Hand, schlage sie auf und rieche daran. Das reicht oft aus, um mich in die Stimmung zu versetzen, in die ich beim Lesen versank. Manchmal genügt es, mit meinen Fingern über die Seiten zu streichen, aber das gelingt nur bei ganz wenigen Büchern. Eines davon ist Navid Keramis 'Der Schrecken Gottes. Attar, Hiob und die metaphysische Revolte' in der von Beck 2005 verlegten gebundenen Ausgabe. Allein das Streichen über den Umschlag bringt Bilder, Gerüche und Gefühle zum Klingen, die mich beim Lesen des Buches begleitet haben.

Aber zurück zu Pedro Páramo. Hatte mich Gabriel Garzia Marquez Roman 'Hundert Jahre Einsamkeit' Anfang der 80er Jahre, kurz nachdem Marquez den Nobelpreis dafür bekommen hatte, schon fasziniert, Pedro Paramo verstärkte die Empfindung. Ein Roman, den ich nicht ausloten kann und doch immer wieder versuche zu ergründen.

Schaut der OÖ Wirtschaftsbund zu viel TV?

08.01.10 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

"Experience your mind" - so lautet der Hauptvortrag zum "Abend der Wirtschaft in Linz". Richtig zuordnen konnte ich den Titel erst, nachdem ich zum Vortragenden gelesen habe: "Mentalist Mario Unger". Mario Unger beschäftigt sich mit Gedankenlesen.

Populär ist der Begriff "Mentalist" durch eine gleichnamige TV Serie geworden. Ein smarter "Mentalist" unterstützt polizeiliche Ermittlungsarbeit und stellt dabei seine "hellseherischen" Fähigkeiten unter Beweis.

Was aber bedeutet es, wenn der oberösterreichische Wirtschaftsbund in Zeiten von Finanz- und Wirtschaftskrise, die nicht wirklich überwunden sind, sich beim Ausblick auf 2010 nicht mir rationalen Analysen beschäftigt, sondern mit Unterhaltung.

Muhammad Asad

25.09.09 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Gedankensplitter, Lesestoff

Georg Mischs filmisches Portrait von Muhammad Asad ("Der Weg nach Mekka", AT, 2008) beschäftigt mich noch Tage später. Auf meinem Schreib- und Nachttisch stapeln sich zwar schon die Bücher. Dennoch überlege ich, mir seine Übersetzung des Korans zu beschaffen - auch wenn ich in den nächsten Monaten nur zum Schmökern kommen werde. Eine Beschäftigung mit dem Koran steht schon lange Jahre aus. Ich habe das immer wieder hinaus gezögert, weil ich mir einredete, den Koran ganz aufmerksam lesen und studieren zu müssen und dass ich dafür zumindest einen langen Urlaub benötige. Wie immer bei großen Vorsätzen - es kommt meist nicht dazu, bzw. vieles dazwischen. Vielleicht ist Schmökern doch die bessere Alternative.
Die deutsche Koran-Übersetzung von Muhammad Asad liegt seit September vor - längst überfällig. Großes Kompliment an den Patmosverlag. Auf meine "Wunschliste" habe ich den Koran zumindest schon mal eingetragen.

Die Botschaft des Koran: Übersetzung und Kommentar

Vielen Politikern fehlt es an Kompetenz

07.08.09 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

Werner Marnett, der Kurzzeit-Minister im Kieler Kabinett und erfolgreicher Unternehmer resümiert bei Maybrit Illner im ZDF über seine Erfahrungen. Dabei lässt er keinen Zweifel an seiner Hauptkritik. Viele Politiker hätte die erforderliche Kompetenz nicht, um die ihnen übertragenen Aufgaben entsprechend den Erfordernissen zu erledigen.

Maybrit Illner: Wie erklären Sie sich, dass manche Politiker einfach etwas nicht wissen wollten?
Werner Marnett: Das hat sehr viel mit Kompetenz zu tun und natürlich auch mit Verdrängen. Und natürlich auch damit, wie Menschen in solch hohe Funktionen hinein kommen. Das ist das Kernproblem. [...] Sie brauchen eigene Kompetenz. Als Finanzminister müssen sie Bilanzen lesen können. [...] Deshalb fordere ich ja mehr Kompetenz, insbesondere in solchen Ämtern.

Werner Marnett In Maybrit Illner: Land der leeren Versprechen. Do 6.08.09 ZDF

Österreich: Ein neofeudaler Operettensteuerstaat

05.08.09 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

"[...] Unser Steuersystem ist also neofeudal und leistungsfeindlich, innovations- und wachstumgshemmend, beschäftigungsmindernd. Es prämiert Reichtum, Großförderungsempfang, Spekulantenschlauheit, kleinbürgerliche Trägheit, "Gemütlichkeit" - und besteuert Anstrengung, Tüchtigkeit, Konkurrenzfähigkeit sowie unternehmerische Risikobereitschaft auf eigene Kosten.

[...]

Von außen besehen, wirkt das wie ein halblustiger Operettensteuerstatt."

Bernd Marin, Der Standard 4. August 2009

Auf den Punkt gebracht.

Parlament ist eine der vielen Selbsthilfegruppen von Eliten

04.08.09 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

"Das Parlament ist - neben der Hochkultur - nur eine der vielen Selbsthilfegruppen von Eliten, wie sie die österreichische Politik als Erbe aus dem Austrofaschismus so gerne begründet."

Marlene Streeruwitz im Gespräch mit Claudia Schmied, Der Standard 1./2. August 2009 - http://snurl.com/oo4h0

Auf den Punkt gebracht.

Komödie und Inferno

20.06.09 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Lesestoff

"Die Wölfin, die den Angstschrei dir erpresst,
lässt niemand seinen Weg in Ruhe gehn,
sie stellt den Menschen, und sie tötet ihn.
Bösartig ist sie und verrucht und gierig,
wird nimmer satt in ihrer jähen Lust,
und nach dem Fraße wächst erst recht ihr Hunger."

Dante Alighieri, Die Göttliche Komödie, Hölle, Erster Gesang

Dantes Komödie lese und rezitiere ich immer wieder gerne. Und die Lust daran wächst mit dem Lesen. Aktuell ist Dante nicht nur der Sprache wegen. Selbst nach fast 700 Jahren liest sich manches wie eine präzise Zeitdiagnose

Unerwartete Impulse

19.04.09 | von Conrad Lienhardt [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

Aleida Assmann berichtet über eine Begegnung mit Paul Watzlawick in Dubrovnik.

"Watzlawick erzählte die Geschichte von drei Brüdern, die eine Herde von 17 Kamelen aufteilen sollten: Der älsteste sollte die Hälfte, der mittlere ein Drittel und der jüngste ein Neuntel erhalten. Sie scheiterten, bis ein vorbeiziehender Nomade Rat wusste: Der stellt sein Kamel dazu, die Teilungsoperaton ging auf, und ein Kamel blieb übrig, auf dem der Weise davonritt."

Diese Geschichte erläutere, so Assmann, das Prinzip der (paradoxen) Intervention: Durch einen Impuls von außen kann Bewegung in ein festgefahrenes System gebracht werden.

Akademische Bildung ist mehr als Ausbildung

31.03.09 | von admin [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

Immer wieder treffe ich auf StudentInnen, die Lehrinhalten, selbst wenn diese neu für sie sind, mit einer vorgefassten Meinung begegnen. Dieser Umstand ist für sich schon irritierend. Denn wozu studiert man, wenn man sich neuen Lehrinhalten gegenüber verschlossen gibt und auf Vorurteilen beharrt - nach dem Motto: in den ersten sechs Sekunden bildet sich das Urteil. Noch irritierender ist es, dass einige davon das mit einer Überzeugtheit tun, deren Grund allerdings völlig verborgen bleibt.

Akademisches Studium bedeutet für mich nicht nur das Erlernen von Wissen und Fertigkeiten. Erfolgreich ist akademisches Studium, wenn sich Haltung und Fähigkeiten ausbilden. Im Zentrum steht sicherlich die Einsicht, dass ein Urteil etwas ist, zu dem man erst sehr spät und nach reichlicher Überlegung, Recherche etc. kommt. Und auch das mit dem Vorbehalt, dass ein Urteil nur so lange richtig sein mag, solange es nicht von anderen widerlegt wird. Jedes Urteil ist so in gewissem Maß ein vorläufiges.

Dies mag bei einigen Bachelor Abgängern noch kaum ins Bewusstsein dringen. Beim Master sollte schon ein wenig mehr Einsicht bestehen. Wer promoviert und dabei immer noch die Naivität besitzt, dass sich die Dinge seinem leichten Zugriff (wenngleich vielleicht auch mit großer Mühe erarbeitet) nicht entziehen können und sich einem Urteil zu beugen hätten, mag bestenfalls einen Titel ernten, mehr nicht. Akademisch gebildet sein meint mehr.

Frage ist, wie eine Haltung vermittelt werden kann, ohne dabei als moralisierend, altmodisch etc. erlebt zu werden. Haltung und pädagogischer Eros sind mir ebenso wichtig, wie die Vermittlung von fundiertem Wissen.

Hören und Rufen

18.03.09 | von admin [mail] | Kategorien: Gedankensplitter, Lesestoff

“I would hurl words into this darkness and wait for an echo, and if an echo sounded, no matter how faintly, I would send other words to tell, to march, to fight, to create a sense of the hunger for life that gnaws in us all.”

Richard Wrighte, 1944 - zit nach Groundswell

social media - in gewisser Weise folgen sie diesem Gedanken. Der Tiefenraum des Internets ist groß und so wird es lange dauern, bis für viele die Erkenntnis dämmert:

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

(Hermann Hesse)

Krzysztof Penderecki hat in seiner 8. Sinfonie - Lieder der Vergangenheit - Hesses 'Im Nebel' beeindruckend vertont.

Vom Genießen und vom Begreifen

03.03.09 | von admin [mail] | Kategorien: Gedankensplitter

„Die Dinge entfalten ihre eigene Wirkung erst, wenn man sie genießt“

Augustinus

Viel zu viele Unternehmen lassen sich von Innovationszyklen gerade im Bereich IKT jagen und ersetzen eine Strategie durch eine jeweils aktuellere, ein Instrument durch die aktuelle Version usf. Vieles was unternommen wird, wir als vorläufig etikettiert, kennt man doch die Innovationszyklen. Wirkung kann sich so nicht wirklich entfalten.

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