Überlegungen und Einsichten aus meiner Lehrtätigkeit
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Microblogging - Für Lehrveranstaltungen geeignet?

Permalink 04.05.11 14:12, von Conrad Lienhardt, Kategorien: e-learning, Neue Medien , Schlagworte: kommunikationskultur, microblogging, twitter

2008 haben Martin Ebner und ich im Rahmen einer Lehrveranstaltung (Neue Medien und Multi-Channel-Management im Master Studiengang Supply-Chain Management) erstmals einen Microblogging Dienst eingesetzt. Da wir von Anfang an planten, diesen Einsatz zu evaluieren entschieden wir uns, nicht Twitter zu nutzen, sondern Laconica (heute: StatusNet) auf einem Server der TU-Graz einzurichten. So konnten wir einen uneingeschränkten Zugriff auf die Datenbanken sicherstellen.

Die Ergebnisse haben wir unter dem Titel: “Microblogs in Higher Education – A chance to facilitate informal and process-oriented learning?” in Computers & Education, Vol. 55, No. 1. (August 2010) publiziert.

Microblogs in Higher Education – A chance to facilitate informal and process-oriented learning?

Quelle: Martin Ebner, Conrad Lienhardt, Matthias Rohs, Iris Meyer: Microblogs in Higher Education – A chance to facilitate informal and process-oriented learning? In: Computers & Education, Vol. 55, No. 1.

Diese Grafik zeigt, dass der Microblogging Dienst im Rahmen der Lehrveranstaltung von den Studierenden zu gut einem Drittel für privaten Small Talk genutzt wurde, was u.a. auch als Indiz für „informelles Lernen” gelten kann. Informelles Lernen findet bevorzugt dort statt, wo es Möglichkeiten zum zwanglosen Austausch gibt, zwischen den einzelnen Lehrveranstaltungen, aber auch während dieser, jedenfalls unabhängig vom Lehrenden, selbst organisiert und in freiem Austausch mit anderen zu selbst bestimmten Inhalten.

Erfahrungen mit Twitter

Seit 2009 nutze ich den Microblogging Dienst Twitter für zwei Lehrveranstaltungstypen - für Vorlesungen und Übungen. Meine Erfahrungen sind dabei sehr unterschiedlich. Großteils wird Microblogging als neuer Kommunikationskanal interessiert aufgenommen, neugierig und offen. Dann wieder gibt es Ablehnung noch bevor soweit Erfahrungen gemacht werden konnten, um diese begründen oder zumindest argumentieren zu können. Gerade bei jenen, die ihnen ungewohnte Kommunikationskanäle vorweg ablehnen, weil diese nicht mit ihren Gewohnheiten oder Vorstellungen übereinstimmen, stelle ich immer wieder fest, dass sie dabei zunächst auf sich selbst und die eigenen Befindlichkeiten Bezug nehmen. Sie lassen außer Acht, dass es professionelle Kommunikationskanäle sind, die Teil der Ausbildung und damit auch Teil eines künftigen Kompetenzprofils insbesondere im Online Marketing sind. Offenbar erleben einige die Kommunikation und die Wege der Aneignung des Lernstoffes als private Angelegenheit, also nicht zur Ausbildung gehörig. Sie sehen womöglich nicht (oder zu wenig), dass das Medium selbst Botschaft sein kann.

Peer Netzwerke und Kompentenzen

Microblogging hat sich auch in anderer Hinsicht bestens bewährt: Die Schwelle, Lehrenden via Twitter Fragen zu stellen, Meinungen einzuholen oder Feedbacks zu erbitten, ist deutlich niedriger, als beispielsweise via ILIAS Foren oder auch via E-Mail. E-Mails sind in diesem Setting nur noch sehr eingechränkt zulässig, bei vertraulichen Mitteilungen beispielsweise. Alles andere wird über Twitter und im MediaWiki abgewickelt. Da ist es mir auch möglich, von unterwegs kurzfristig zu antworten, was wiederum dem Arbeitsfluss seitens der Studierenden entgegenkommt.

Zudem stelle ich fest, dass sich dadurch ein gewisses Peer-Netzwerk installiert, d.h. dass sich Studierende untereinander Hilfestellung geben, über die ohnehin gegebenen Kleingruppen hinaus. Es kommt dabei immer wieder auch vor, dass Studierende früherer Semester sich einbringen, auch Fremde. Die Dynamik ist sehr vorteilhaft und erweitert die Lehrender-Studierende Dimension. Das ängstigt (und teilweise überfordert) immer wieder einzelne Studierende, die in klarer schulischer Rollenverteilung Sicherheit finden. Gerade sie haben häufiger den Eindruck, dass dadurch die Workload größer wird, wohl weil sie die veränderte Situation stärker beansprucht und eingefahrende Arbeitsroutinen in Frage stellt.

Microblogging wird, davon bin ich überzeugt, zunehmend im Lehrbetrieb Fuß fassen, zum Vorteil der Studierenden wie der Lehrenden.





Ein Literaturtipp zu Twitter:

Lienhardt, Conrad: Corporate Twitter. Ein Praxisbuch für Unternehmen, Norderstedt 2010.

2 Kommentare

Kommentar von: Andreas König [Besucher]
Andreas KönigWerter Kollege,
habe gerade mit Interesse Ihren Blogbeitrag gelesen und Ihre Publikation aufgenommen. In einem laufenden Masterkurs arbeite ich gerade mittelbar und unmittelbar ebenfalls an dem Thema (es geht um web 2.0-Medien in der betrieblichen Personalentwicklung).
Einen kurzen Kommentar finden Sie hier: http://www.lernblog.ch/?p=307.
Danke und Gruss, Andreas König.
04.05.11 @ 16:06
Kommentar von: Anja Lorenz [Besucher]
Anja LorenzHallo,

wir in Chemnitz nutzen fast für die komplette Lehrstuhlkommunikation den Microbloggingdienst Coommunote (netterweise bereitgestellt von Communardo http://www.communote.com/homepage/ , mein Kollege Martin hat Erfahrungen damit publiziert unter Gerlach, Lutz; Hauptmann, Stefan; Böhringer, Martin: What are you doing im Elfenbeinturm? - Microblogging im universitären Einsatz. In: Tagungsband der Multikonferenz Wirtschaftsinformatik, 23.-25.02.2010, Göttingen, 2010. )

Wichtigste Änderungen gegenüber Twitter: nicht-öffentlich und von uns administrierbar, >140 Zeichen, Dokumentnupload, Unter-Blogs zur Zugriffsverwaltung.

Von den Studenten haben wir hierzu eine recht gute Resonanz, zumal alles an einem Ort zusammengeführt wird, also Dokumentenupload erfolgt genauso wie die Aufgabenverteilung und Diskussionen in Posts. Natürlich gibt es noch ein paar E-Mail-anhängern (hier vor allem unter den Mitarbeitern), die die Kommunikation noch über andere Kanäle streuen.

Grüße,
Anja
04.05.11 @ 16:28

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