Apple - 100 Milliarden USD Liquidität - Ausbeutung lohnt
Mit einer Marktkapitalisierung von 428 Mrd USD hat Apple Exxon Mobil (413 Mrd USD) überholt und ist damit derzeit der wertvollste Konzern der Welt. Das berichtet die Neue Züricher Zeitung (NZZ) in ihrer Ausgabe vom 27. Februar 2012. „Manchmal nimmt der Erfolg Dimensionen an, die nur noch schwer fassbar sind” meint Christiane Hanna Henkel, die Autorin des Beitrags. Der Quartalsgewinn von Apple ist der „zweithöchste, den je ein kotiertes Unternehmen erwirtschaftet hat.” Rund 100 Mrd. USD hat Apple an liquiden Mitteln in der Kasse.
Angesichts dieser Erfolgsmeldungen frage ich mich, warum Apple sich nicht deutlich mehr soziales Engagement leisten will. Ein Konzern der seine Gewinnspannen u.a. dadurch erzielt, dass ArbeiterInnen seiner Zulieferer ausgebeutet werden.
Kürzlich hat die New York Times („In China, Human Costs Are Built Into an iPad”, 25.01.2012) ausführlich über die Missstände bei chinesischen Zulieferbetrieben von Apple berichtet. Im Beitrag wird ein ehemaligen Foxconn Manager zitiert: „Apple never cared about anything other than increasing product quality and decreasing production cost […] Workers’ welfare has nothing to do with their interests”.
Bereits im Herbst 2011 hat DIE ZEIT (05.10.2011) darauf hingewiesen, dass Apple offenbar die Kritik an diesen Zuständen ignoriert.
Frontal21, ein ZDF Sendeformat im Bereich investigativem Journalismus, strahlte diesen Beitrag aus:
Ich besitze mittlerweile keine Apple Produkte mehr und werde solange Apple diese Politik nicht ändert auch keines mehr besitzen. Letztlich stellt sich auch für Konsumenten die Frage: Wie hältst Du’s mit Ethik?

Ökonomie als gesellschaftliche Leitwissenschaft?
Wie ist der Aufstieg der Ökonomie zu einer gesellschaftlichen Leitwissenschaft historisch zu erklären? Das fragt Daniel Speich Chassé, Historiker an der Universität Luzern mit Spezialgebiet makrokonomisches Wissen und internationale Organisation.
“Die Vorstellung, man habe zu immer realitätsnäheren Modellen des Wandels gefunden und immer wahreres Wissen hervorgebracht, greift sicher zu kurz. Zu wenige der zahlreichen Wirtschaftsprognosen der vergangenen Jahrzehnte haben sich als zutreffend erwiesen. Der Aufstieg der Ökonomie verdankte sich vielmehr einem Wandel im politischen System, das die Verantwortung für Entscheidungen vermehrt an Experten delegierte. In der gegenwärtigen Krise muss das Verhältnis der Politik zu den Wirtschaftswissenschaften neu diskutiert werden. Denn der wirtschaftliche Wandel folgt keiner Mechanik, sondern ist ein zukunftsorientierter, historischer Prozess.”
Daniel Speich Chassé. Die Geburt des Ökonomismus aus der Krise der dreissiger Jahre. In: NZZ, 18(2012) vom 18. Januar, 19
Generation Net - In Sachen Medienkompetenz überschätzt ?
„Die Netz-Generation” schreibt Claudia de Witt „wird zum Leitbild einer vom Computer geprägten Gesellschaft, das flexible und mobile, interdisziplinär und global handelnde, leistungsfähige, effektive und erfolgreiche Menschen repräsentiert.” So empfiehlt sich diese Generation Unternehmen als per se prädestiniert für die Herausforderungen einer digitalen Zukunft. quasi als „Native Speakers”.
Aber ist das tatsächlich der Fall? Sind alle jene, die nicht zu den „Digital Natives” zählen „Digital Immigrants” (vgl. Prensky, 2001), „fremdsprachliche Einwanderer, die zeitlebens mit ‘accent’ sprechen, sprich sich fremd tun […]” ? (Schulmeister, 2009, 24)
Was zunächst einleuchtend klingen mag wird seit einigen Jahren zunehmend in Frage gestellt. Richard Schulmeister spricht in diesem Zusammenhang gar von einem „Mythos”. „The creations of Digital Natives,” meinen John Palfrey und Urs Gasser „are quite often limited to the thoroughly unspectacular: a new personal profile on Facebook, a posting on twitter.com (›Weather’s nice here in Munich‹), digital photos uploaded onto Photobucket or Shutterfly.” (2009, 112)
Es ist unbestritten, dass die „Generation Net” — die Generation der nach Mitte der 80er Jahre Geborenen — eine hohe Medienaffinität besitzt. Jedoch bedeutet medienaffin nicht automatisch medienkompetent (vgl. Haug 2009,1). Der „Mythos” der „Generation Net” lässt diese das jedoch von sich selbst glauben. Auch Studierende sind davon nicht ausgenommen. Dass dies in vielen Fällen zu einem verqueren Selbstbewusstsein führt, zeigt sich immer wieder. Untersuchungen stellen beispielsweise im Umgang mit IT „eine Diskrepanz zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlichen Kompetenzen der Studierenden fest.” (Vgl. Haug, 2009,1) Zu einem vergleichbaren Ergebnis kommt eine erst unlängst veröffentlichte Studie der FH Vorarlberg (Erstsemestrige - Teil der Generation Net"), die zeigte, „dass die für ein Studium nötige Medien- bzw. Informationskompetenz nicht vorausgesetzt werden kann, sondern vielmehr im Studium erworben werden muss.” (Vgl Weber und Mayer, 2010) → [s.Blogpost Lehre]
Dennoch scheinen Unternehmen wie im Reflex davon auszugehen, dass MitarbeiterInnen der „Generation Net” per se für einen kompetenteren Umgang mit neuen Medien geeignet wären, ohne das zu hinterfragen. Zweifellos gibt es in dieser Generation einen Teil, der über die Medienaffinität hinaus auch über eine erforderliche Medienkompetenz verfügt, das Gros dürfte sich nicht wesentlich von der vorangegangenen „Generation X” oder den „Baby Boomers” unterscheiden. Sie brauchen ebenso eine entsprechende Qualifizierung.
Nicht selten treffe ich auf Unternehmen, die PraktikantInnen auf Social Media Kommunikation loslassen, in der irrigen Annahme, diese wären da ohnehin zuhause und verstünden es daher besser, als ältere MitarbeiterInnen in der Unternehmenskommunikation oder im Marketing. Es empfiehlt sich daher, dem „Mythos” „Generation Net” mit gebotener kritischer Haltung zu begegnen und älteren MitarbeiterInnen zuzutrauen, dass sie sich ebenso für die digitale Zukunft qualifizieren können.
de Witt, Claudia (2000): Medienbildung für die Netz-Generation. In: Medienpädagogik. Elektronisch verfügbar unter [www.medienpaed.com/00-1/deWitt1.pdf]. (Zugriff am: 05.01.2012)
Prensky, Marc (2001): Digital Natives, Digital Immigrants, Part II: Do They Really Think Differently? From On the Horizon (NCB University Press, Vol. 9 No. 6, December 2001). Elektronisch verfügbar unter [http://www.marcprensky.com/writing/Prensky%20-%20Digital%20Natives,%20Digital%20Immigrants%20-%20Part1.pdf](Zugriff am: 05.01.2012).
Schulmeister, Rolf (2009): Gibt es eine »Net Generation«? Erweiterte Version 3.0. Hamburg. Elektronisch verfügbar unter [http://www.zhw.uni-hamburg.de/uploads/schulmeister_net-generation_v3.pdf] (Zugriff am: 05.01.2012)
Weber, Frank; Mayer, Brigitte (2010): „Erstsemestrige – Teil der „Net Generation“?“ In: Künz, Andreas; Dontschewa,Miglena (Hrsg.): Eintauchen in Medienwelten. Zusammenfassung der Beiträge zum Usability Day VIII. Pabst Science Publishers (= uDay VIII).
"Net Generation" an unseren Hochschulen?
Die Fachhochschule Vorarlberg (Frank Weber, Brigitte Mayer) hat im vergangenen Wintersemester im Rahmen einer Umfrage Ausstattung und Internetnutzung bei Erstsemestrigen untersucht und dabei folgende Einsichten gewonnen:
Der überwiegende Teil der Erstsemestrigen der FH Vorarlberg hat einen Laptop und geht breitbandig ins Internet. Viele nutzen populäre Internet-Anwendungen wie Wikipedia, YouTube und Facebook und können somit durchaus als medien- bzw. internetaffin charakterisiert werden. Eine Tendenz zur steigenden Nutzung von mobilen internetfähigen Geräten zeichnet sich ebenfalls ab.
Aufschlussreich ist Folgendes:
Bei näherer Betrachtung wird jedoch deutlich, dass eine pauschale Zuordnung zur „Net Generation“ dennoch nicht haltbar ist. Bei einer großen Anzahl von Web2.0 - Anwendungen liegt die Nicht- bzw. sporadische Nutzung weit über der regelmässigen bzw. häufigen und die passive weit über der aktiven Nutzung. Zudem heisst medienaffin nicht automatisch medienkompetent (vgl. Haug 2009, S. 1), und die geringe Bekanntheit von Diensten, welche für die Organisation des persönlichen Wissens grossen Nutzen entfalten können zeigt, dass die für ein Studium nötige Medien- bzw. Informationskompetenz nicht vorausgesetzt werden kann, sondern vielmehr im Studium erworben werden muss [Hervorhebung durch Autor] – umso mehr als die Medienkompetenz laut einer von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen Studie zu den Schlüsselkompetenzen zählt (vgl. Redecker 2009, S. 140).
Insofern bestätigen die Ergebnisse die teilweise heftig geführte Kritik am Konzept der “Net Generation", ein Konzept, das Rudolf Schulmeister veranlasste, von „Mystifizierung” einer ganzen Generation zu sprechen.
→ [Vgl. Blogpost: Generation Net — In Sachen Medienkompetenz überschätzt?]
Eine lesenswerte Studie → Download (deep link, FH-Vorarlberg)
Weber, Frank; Mayer, Brigitte (2010): „Erstsemestrige – Teil der „Net Generation“?“ In: Künz, Andreas; Dontschewa, Miglena (Hrsg.): Eintauchen in Medienwelten. Zusammenfassung der Beiträge zum Usability Day VIII. Pabst Science Publishers (= uDay VIII).
Verklärung des Unternehmens als Selbstzweck
“Wenn in früheren Zeiten Unternehmen Mittel zum Zweck der Befriedigung von Kundenbedürfnissen waren, so sind nun die Kunden Mittel zum Zweck der Befriedigung von Unternehmensbedürfnissen.
[…]
Es ist ein Irrtum zu glauben, Wirtschaft und Gesellschaft ließen sich heroisch entkoppeln. Irgendwann werden die Leute eine Wirtschaft hassen, die sich ihnen so mitteilt.
Reinhard K. Sprenger, brandeins 5/2009(4),134f.
Leben als Konsum - Kritik von Zygmunt Bauman am Konsumismus
“Das Neue und Besorgniserregende heute ist die Expansion des Konsumismus, all jener Verhaltensweisen also, die im Prozeß des Konsumierens entstehen und sich inzwischen über die ganze Gesellschaft ausbreiten. Mich interessieren die Folgen dieser Kolonisation. Vor hundert Jahren begriff man die Menschen vor allem als Produzenten. Die Position, die der einzelne im Arbeitsleben einnahm, bestimmte seinen Ort in der Gesellschaft. Sie definierte auch die Beziehungen der Menschen untereinander. Heute wird all das durch den Konsum definiert. Wenn es früher eine ökonomische Krise gab, versuchte man sie zu lösen, indem man an der Produktion etwas änderte, heute hört man von den Regierungen, nur steigender Konsum könne uns aus der Krise führen. Unsere staatsbürgerlichen Pflichten bestehen darin, in die Geschäfte zu gehen, Geld auszugeben und die Wirtschaft am Laufen zu halten.“
Zygmunt Bauman, Sinn und Form 4/2011
Die zwei Seiten von PowerPoint Slides
Sie sind aus Vorträgen, Vorlesungen und Präsentation kaum mehr wegzudenken: PowerPoint Slides. Sie gehören schon so selbstverständlich dazu, dass vielfach die Sinnhaftigkeit ihres Einsatzes nicht mehr hinterfragt wird. Dass PowerPoint Slides Vorträge und Präsentation ebenso unterstützen können wie Lernprozesse, ist vielfach nachgewiesen (vgl.: Nouri, H. 2005) — auch wenn ein Mehr an Animation bei solchen Präsentationen nicht zu einer Steigerung der Effektivität führt, sondern sich eher kontraproduktiv auswirkt (vgl: Sidman, Cara L. 2007; Mahar, St. 2009).
PowerPoint Slides werden jedoch nicht nur zur Unterstützung des Vortrags genutzt, sondern werden vielfach als grundlegende Lernmaterialien zur Verfügung gestellt - nicht selten ausschließlich. Und das halte ich für außerordentlich problematisch.
Viele Studierende lieben diese Unterlagen, die sich so kompakt ausdrucken lassen. Es sind quasi Stenogramme der Lehrveranstaltung, Stich- und Schlagwort-sammlungen mit anschaulichen Visualisierungen. Ein vermeintlich überschaubarer Lernstoff. Kommt nun noch hinzu, dass nicht Wissen geprüft wird, sondern die Inhalte der ausgegebenen Foliensätze, werden diese Unterlagen nahezu zur ausschließlichen Lerngrundlage. Da nimmt es dann kein Wunder, wenn Studierende bei Prüfungen überfordert sind, sofern sich die Fragen nicht genau auf diese Folien in all Ihrer Verkürzung und Verknappung von Wissen beziehen.
Wer einwendet, dass die eigenen Folien viel umfangreicher seien und einem Skript nahe kämen, muss sich den Kommentar gefallen lassen, er verwende PowerPoint nicht mediengerecht. Wer umgekehrt von studentischer Seite einwendet, es würden die jeweiligen Folien ausgiebig kommentiert und mit Notizen angereichert, macht sich selbst etwas vor, wenn damit behauptet werden soll, dies reiche dann als Lerngrundlage aus. Denn im Regelfall ist selbst eine Vorlesung eine prägnante Darstellung und Vermittlung von Wissen, das der weiteren Erschließung durch Fachliteratur bedarf.
Ich bin daher seit etlichen Semestern sehr zurückhaltend, was die Aushändigung der PowerPoint Dateien anbelangt. Derzeit binde ich diese in Ansichten des e-Portfoliosystems ein (Mahara), mit dem wir in diesem Semester erstmalig arbeiten. Hier stehen die Slides neben der Literaturliste, Tools und weiteren eingebetteten Medien wie Videocasts und zahlreichen Hyperlinks zu vertiefenden und erweiterenden Seiten außerhalb und innerhalb des e-Portfolio. Damit wird deutlich, dass die PowerPoint Folien eben nur einen Teil der Unterlagen bilden — und damit letztlich auch nur einen Teil des Prüfungsstoffes.
Deutlich wichtiger schätze ich das Lernblog ein, in welchem nicht nur die Lehrveranstaltungen und der eigene Lernprozess reflektiert werden sollen, sondern auch die Plichtlektüre. Doch das Lernblog erfreut sich keiner besonderen Beliebtheit. Im Unterschied zum Folien-Konsum und einem klar umrissenen Stoff zum Pauken erfordert das Lernblog kontinuierliche Anstrengungen. Zweifelsohne wäre der Lernerfolg durch eine effektive Nutzung des Lernblog deutlich größer, aber eben auch die zeitliche Anforderung.
Und damit ist wohl - insbesondere für berufsbegleitend Studierende - ein, wenn nicht der zentrale Punkt angesprochen. Foliensätze als weitgehend ausschließliche Lerngrundlage kommen einer Haltung der Aufwandsminimierung entgegen, d.h. unterstützen in gewisser Weise die Selbsttäuschung, dass sich mit der Kenntnis von Foliensätzen das erforderliche Wissen zu einer Lehrveranstaltung ausreichend aneignen ließe. Da neige ich dazu, diese Selbsttäuschung zu enttäuschen. Das ist unbequem, pädagogisch aber redlich und geboten.
Mahar, Stephen; Yaylacicegi, Ulku; Janicki, Thomas (2009): „The dark side of custom animation“. In: International Journal of Innovation and Learning. 6 (6), S. 581 - 592.
Nouri, Houssein; Shahid, Abdus (2005): „The Effect of PowerPoint Presentations on Student Learning“. In: Global Perspectives on Accounting Education, 2 (2005), S. 53-73.
Sidman, Cara L.; Jones, Dianne (2007): „Addressing Students’ Learning Styles through Skeletal PowerPoint Slides: A Case Study“. In: MERLOT Journal of Online Learning and Teaching. 3 (2007/4).
Sind Internetnutzer Nomaden?
„Zeitenwende im Internet” — so hat Holger Schmidt seinen Beitrag im FAZ Blog „Netzökonom” überschrieben. Dabei bezieht er sich auf jüngste Umfrageergebnisse von Comscore, welche zeigen, dass Internet-Nutzer in Deutschland in den vergangenen 12 Monaten ihre Online-Zeit auf den klassischen Portalen wie T-Online um durchschnittlich 24 Prozent gesenkt, dafür aber um 49 Prozent in den sozialen Netzwerken erhöht haben. Erstaunlich ist vor allem auch, dass die Nutzung von E-Mail rückläufig ist, mit Ausnahme der über 55 Jährigen. 6 Prozent der Jugendlichen verfügen offenbar bereits über keine E-Mail Adresse mehr. Das sind spannende Verschiebungen, auf die Unternehmen entsprechend reagieren müssen.
Ich kann Ihnen diesen Beitrag nur empfehlen - er ist sehr aufschlussreich.
Das Ergebnis selbst ist nicht ganz überraschend, da sich ein entsprechender Trend schon länger abzeichnete. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich diese Entwicklung als „Zeitenwende” charakterisieren würde. Dazu müsste diese Entwicklung nachhaltig sein. Und um das festzustellen benötigte man einen etwas längeren Beobachtungszeitraum. Ich deute das zunächst als Ausdruck nomadischen Verhaltens. Viele ziehen gerne auf neue Wiesen, die noch nicht abgegrast sind, neue Erfahrungen bieten und die einer sich wandelnden Kommunikationskultur eher entsprechen. Es kann sich dabei aber durchaus um ein ephemeres Phänomen handeln. Von einer Zeitenwende hin zu Social Media würde ich nur im aktuellen Zeitfenster sprechen wollen.
Ottokar Uhl - Einer der Großen österreichischer Architektur ist tot
Ich bin ein aufmerksamer Zeitungsleser. Und dennoch ist mir die Nachricht vom Tod Ottokar Uhls am 3. November entgangen. Wie kann es sein, dass der Tod eines bedeutenden österreichischen Architekten — laut Architekturzentrum Wien einer der „intellektuell profiliertesten Architekten” — in österreichischen Medien nicht vorkommt? Außer eines knappen Nachrufs im Der Standard unter Immobilien und einer zweizeiligen Erwähnung im Wirtschaftsblatt haben Kulturredaktionen von Rundfunk, Fernsehen und Zeitungen davon offenbar keine Kenntnis genommen. Das markiert einen weiteren Tiefpunkt österreichischen Kulturjournalismus.
Ottokar Uhl habe ich Anfang der neunziger Jahre persönlich kennengelernt, nachdem ich bereits in meiner Studienzeit seine Bauten und seine theoretischen Auseinandersetzungen mit Wohn- und Kirchenbau schätzen gelernt hatte. Er war ein außergewöhnlicher Mann und Architekt mit einem für Österreich nicht ganz untypischen Schicksal. Er studierte bei Lois Welzenbacher an der Wiener Akademie der Bildenden Künste, beeinflusst von Konrad Wachsmann, dem er an der Salzburger Sommerakademie begegnete. Während seine Kollegen vor allem bauen wollten, suchte Uhl mit gleicher Intensität die intellektueller Auseinandersetzung mit Architektur und den Prozessen rund um Architektur. Die Radikalität, mit welcher er die Rolle des Architekten als die eines Moderators einforderte, prozessorientiertes Arbeiten und partizipatorische Einbindung der Bauherrn und Nutzer als Anspruch formulierte, machte ihn bei vielen seiner Kollegen verdächtig. So wundert es nicht, dass er für eine Professur 1973 nach Karlsruhe „auswandern” musste. Dass er dort Egon Eiermann auf dessen renommierten Lehrstuhl nachfolgte, war keine schlechte Wahl. In Wien haben Kollegen darauf geachtet, dass es ruhig blieb um Uhl. So verwundert es nicht, dass er bei Architekturpreisen übergangen wurde. Die Verleihung des „Ludwig Wittgenstein Preis” 1996 konnten sie dennoch nicht verhindern. Nach seiner Emeritierung kehrte er nach Wien zurück, um hier mit seinem Büro wieder präsenter zu sein. Ein Schlaganfall lähmte seinen Aufbruch. Davon hat er sich bis zuletzt nicht mehr wirklich erholt.
Mich freut die Erinnerung an die Zusammenarbeit und Verbundenheit im Ringen um Perspektiven für den Kirchen-/ Sakralbau. Im Rahmen einer international besetzten Expertenrunde zu diesem Themenbereich im Schloss Riedegg präsentierte Uhl einen Text, der aktueller nicht hätte sein können. Gegen Ende der Tagung meinte er dann: Der Text ist übrigens gut 30 Jahre alt. Er und Herbert Muck waren zum Thema Kirchenbau die wirklich relevanten Denker und Visionäre in Österreich. Mitte der Neunziger Jahre haben wir zusammen mit Herbert Muck, Gernot Wisser, Helmut Hempel, Johannes Traupmann, Hartwig Bischof das außeruniversitäre Forschungsinstitut „Verhalten und Raum” gegründet. Wenige Jahre später habe ich als dritten Band in der Reihe Kirchenbau nach Rudolf Schwarz und Emil Steffan einen Band über Ottokar Uhl bei Schnell & Steiner herausgegeben. Zur Publikation habe ich zusammen mit Albert Kropfitsch eine Webausstellung dazu eingerichtet.
Diese intensive Begegnung mit Werk und Person Ottokar Uhl hat mich sehr bereichert.
Wie ich sehe, sind noch einige wenige Exemplare des aufwändig produzierten und hervorragend bebilderten Katalogbuches erhältlich, mit Texten von Friedrich Achleitner, Herbert Muck, Bernd Selbmann, Helmut Hempel, von mir und selbstverständlich von Ottokar Uhl selbst.
Books on Demand (BoD) - eine kritische Nachbetrachtung
2009 verlegte ich ein Buch zu „Corporate Twitter” bei Books on Demand. Ich habe darüber in diesem Blog berichtet (↑ „Meine Erfahrungen mit Books on Demand (www.bod.de)” und ↑ „Book on Demand: Eine geniale Alternative zu eBook und Print”).
Worum es jetzt geht ist die Frage, wie transparent ich die Geschäftsbeziehung erlebe.
Mir war aufgefallen, dass Google Search erstaunlich viele Internet-Nutzer zu meinen Blogbeiträgen zu Books on Demand (BoD) weiterleitete, Internet-Nutzer, die offenbar nach Informationen rund um das Thema „Vertauenswürdigkeit von” und „Erfahrungen mit” Books on Demand suchten.
Wie vertrauenswürdig und zuverlässig ist die Abrechnung bei Books on Demand (BoD)?
Wo liegt das Problem? BoD rechnet die Buchverkäufe mit den Autoren ab. Dabei werden jeweils das Datum des Verkaufs und die Anzahl der verkauften Exemplare je Abrechnungszeitraum aufgelistet. Diese Information ist auch online im eigenen BoD Account zu beziehen. Eine weitergehende Aufschlüsselung, wohin die Exemplare geliefert wurden, ob Groß- oder Einzelhandel, bzw. wieviele Exemplare direkt über BoD verkauft wurden, gibt es nicht. Soweit so „gut”.
Als zentraler Vertriebsweg erweist sich Amazon.de. Nun weiß man, dass die Website von Amazon.de nicht wirklich nachvollziehbar und damit verlässliche Rückschlüsse über verkaufte Exemplare zulässt - weder direkt über die Angabe noch „auf Lager” noch indirekt über den Verkaufsrang. Hier wird weder auf tatsächliche Lagerbestände Bezug genommen, noch auf reales Verkaufsranking. Wie Amazon das handhabt ist für Uneingeweihte nicht wirklich nachvollziehbar.
Es war daher schnell klar, dass es keine Möglichkeit gab, über Amazon direkt auf die Kauforder bei BoD rückzuschließen. Daher entschlossen wir uns für eine Versuchsreihe in der über die ersten drei Quartale 2011 eine Reihe von Testkäufen druchgeführt wurden. Die Testkäufe sollten sicherstellen, dass die von Amazon über Zuliefer-Großhändler verkauften Exemplare letztlich zu einer direkten Order bei BoD führen musste. Dieser Rückkopplungseffekt schien sich auch in Gang setzen zu lassen. Dennoch gab es am Ende des dritten Quartals eine signifikante Abweichung der unterstellten Order und der abgerechneten verkauften Exemplare.
— Um es an dieser Stelle gleich vorweg zu nehmen: Es ging uns - und es geht auch hier - nicht darum, möglichen Unregelmäßigkeiten in der Abrechnung nachzuspüren oder diese BoD zu unterstellen. Letztlich würden die Beträge, um die es geht, einen solchen Aufwand nicht rechtfertigen. Es ging bei dieser Untersuchung darum, wie weit Transparenz der Abrechnung in diesem Geschäftsmodell erfolgsrelevant ist. Denn im Unterschied zu einem regulären Verleger, gibt es zwischen BoD und seinen Autoren keine wirkliche persönliche Beziehung und damit auch keine sich daraus rechtfertigende Vertrauensbasis. —
Ein Unternehmen reagiert - oder auch nicht
Nachdem ein Bedarf an mehr Transparenz bzgl. Verkauf und Abrechnung deutlich geworden war, wendete ich mich an das Unternehmen. Dabei erklärte ich unser Untersuchungs-Setting und bat um Auskunft. Es dauerte fast eine Woche, bis mein E-Mail beantwortet wurde und das auch erst, nachdem ich per FAX nachgehakt hatte. Darin heißt es: „Wir möchten Ihnen hiermit versichern, dass unsere Abrechnung der Verkäufe fehlerfrei arbeitet und darüber hinaus regelmäßig von unabhängigen Wirtschaftsprüfern getestet wird.” Diese Antwort schaffte in keiner Weise mehr Transparenz, sondern fällt eher unter die Kategorie „Selbstverständliches” und zeigt wenig Kundenorientierung.
Auf weiteres Nachfragen wurde dann geäußert: „Amazon bezieht alle Bücher über den Großhandel, den wir beliefern. Auch die Katalogisierung erfolgt über den Großhandel.” Das war jedoch nicht die Frage. Die Frage war ja, wieviel Exemplare an Amazon beliefernde Großhändler verkauft wurden, wieviel an Großhandel, Einzelhandel überhaupt und wieviel direkt über BoD vertrieben wurden.
Der Versuch, mehr Transparenz zu gewinnen führte bislang geradewegs in die entgegengesetzte Richtung: Es entstand zunehmend Verunsicherung über die Professionalität im Umgang des Unternehmens mit seinen Kunden. Es folgte der Griff zum Telefon. Die überwiegende Zahl der Autoren dürfte keine Verlagserfahrung haben und sich offenbar leicht abfertigen lassen. Davon ging wohl die sich als Zuständige für Kundenanfragen ausgebende Mitarbeiterin von BoD auch bei mir aus. Mein Anliegen wurde weitergereicht. Das Ergebnis des Telefonats wurde in einem Mail seitens BoD zusammegefasst: „[…] die Lieferaufschlüsselung entnehmen Sie bitte Ihrer Margenabrechnung. Bei der Margenabrechnung fand sich dann aber keine Lieferaufschlüsselung. Erneute Nachfrage blieb unbeantwortet.
Unterm Strich
Das Unternehmen, das wirklich Produkte guter Qualität anbietet, schafft es nicht, die gerade bei diesem Geschäftsmodell erforderliche Transparenz in der Geschäftsabwicklung sicherzustellen. Diese Transparenz wäre insbesondere deshalb schon gefordert, weil Amazon, einer der effektivsten Absatzkanäle, mit seinen Angaben „noch auf Lager” und zum Verkaufsrang gegenüber der BoD Abrechnung Autoren verunsichert. Die Kundenorientierung lässt in diesem Bereich sehr zu wünschen übrig. Die Suchanfragen via Google bzgl. Vertrauenswürdigkeit dürften nicht zuletzt eine Folge davon sein.
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